Niklas Luhmann
[ zurück ]
[ Stichworte ]
[ Die Hyper-Bibliothek ]
[ Systemtheorie ]
[ Meine Bücher ]
[ Meine Blogs ]
|
Zu N. Luhmann, resp. zu seiner Theorie gibt es in der Hyper-Bibliothek einen umfassenderen Eintrag, hier stehen nur die wichtigsten Angaben:
siehe Funktionale Systemtheorie von N. Luhmann (Einführung - Begriffe - Kybernetische Kritik)
|
Literatur:
Aufsätze / Vorträge:
über Luhmann:
Zur Person
Bildquelle: Wikipedia
|
|
N. Luhmann (1927-1998) war Verwaltungswissenschaftler, der sich im Anschluss an den sogenannten Posistivismusstreit auf der rechten Seite (hinter K. Popper und H. Albers) gegen T. Adorno und vor allem gegen J. Habermas als und Gesellschaftstheoretiker profilierte (Habermas/Luhmann (1971): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt/M.)
N. Luhmann, der vom Bürgerblock um H. Schelsky protegiert wurde, stand zunächst in der Tradition der funktional-strukturalistischen Schule um T. Parsons, dessen "Systemtheorie" funktionierende Strukturen betonte. N. Luhmann focusierte dann aber die Funktion anstelle der Struktur.
1984 publiziert N. Luhmann sein Hauptwerk Soziale Systeme, in welchem er - in einer von H. Maturana nicht geteilten Anlehnung - seine Theorie der "Autopoiese sozialer Systeme" entwickelte, in welcher soziale Systeme sich als fortgesetzte Kommunikation hervorbringen, während die Soziologie Beobachtungen 2. Ordnung macht, in welcher sie (nur noch) beobachtet, wie die Systeme sich selbst beobachten. N. Luhmann beschrieb in der Folge einige "soziale Systeme" unter dem Titel "xy der Gesellschaft" (für xy Kunst, Religion, Wissenschaft, usw).
|
Die funktionale Systemtheorie von N. Luhmann (vergleichende Kritik):
- Einführung - Begriffe - Kybernetische Kritik
- Ein/e Anwendung/sversuch: Informatik als Funktionssystem
- Erläuterungen: In der "Systemtheorie von N. Luhmann kann als Inversion der kybernetischen Systemtheorie gesehen werden. Bei N. Luhmann heisst es: "Es gibt Systeme", während die Kybernetik 2. Ordnung Systeme als Konstrukte der Beobachtung sieht. In seiner Inversion fasst N. Luhmann Handlungszusammenhänge als "funktionale Systeme" auf, wodurch (auch Kommunikations)Handlungen aus dem Zentrum rücken, resp. nur als Interpretationen (oder Zuschreibungen) erscheinen.
N. Luhmann verwendet für die Kommunikation gleichwohl ein "Mitteilungskonzept". Da aber das System keine Mitteilungen machen oder verstehen kann, delegiert er das in die Umwelt des sozialen Systems, wo er "nicht näher beschriebene "psychische System" verortet.
Gesellschaft als autopoietisches Wesen reproduziert sich durch Operationen, die als Kommunikation aufgefasst werden, genau dadurch, dass eine weitere Operation anschliesst. Es wird etwas gesagt, worauf etwas gesagt wird. Entscheidend ist das "worauf" als Anschluss mit der Implikation, dass das Vorausgegangene als Mitteilung einer Nachricht (Information) verstanden wird, was sich in der folgenden Operationssequenz wiederholt.
In der Luhmannschen Konzeption besteht IST die Gesellschaft ein autopoietisches System, dessen Operation(sweise) darin besteht, Kommunikationen durch Kommunikationen zu produzieren - so wie der biologisch gesehenen Organismus (H. Maturana) im Metabolismus seinen Körper autopoietisiert (die Zellen produziert, aus welchen er besteht). N. Luhmann beobachtet als in seine Soziologie keine Menschen, sondern eben Kommuikationen. Menschen kommen in seiner Theorie nicht vor; die Theorie beschreibt vielmehr, wo und wie Menschen in der Kommunikation vorkommen, etwa wenn in einer Kommunikation vom "ich" oder von "Herrn Meier" usw. die Rede ist.
N. Luhmann rückt die Kommunikation, die das Wesen des Systemtheorie ist, durch eine Inversion ins Zentrum. Er folgt damit dem Informationszeitalter-Mainstream, der "Information" - seit A. Turing's universieller Maschine - als primär modelliert. Entsprechend ist seine Theorie an der Mechanik der Informationsverarbeitung orientiert, die wesentlichen Begriffe sind: System, Kommunikation, Operation, Programm, Code (also in etwa die zentralen Begriffe der Informatik).
N. Luhmann denkt aber nicht an Maschinen, sondern an Verhältnisse, die nicht teleologisch gesteuert werden, sondern selbstorganisiert Eigenwerte herausbilden (Autopoiese/Selbstorganisation). In der Gesellschaft und in den funktionalen Subsystemen gibt es keine Maschinenführer und auch kein Ziel, welches angestrebt würde. Die Gesellschaft ist ein Produkt ihrer eigenen Funktionsweise, die eben aus Kommunikationen besteht. Das technische Programm von N. Luhmann produziert deshalb Paradoxien, die er mit dem formalen Appparat von G. Spencer-Brown zu fassen versucht.
"Die beschriebene elementaristische Tendenz Luhmanns ist wahrscheinlich zu einem wesentlichen Teil durch den Einfluß der differenztheoretischen Überlegungen des Mathematikers George Spencer Brown herbeigeführt worden. Aus dessen Buch über die
Laws of Form stammt die Idee einer Doppeloperation Unterscheiden/Bezeichnen (distinction, indication), die Luhmann zur Definition seines Beobachtungsbegriffs benutzt, sowie das Konzept des re-entry, des Wiedereintritts einer Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene; beides übernimmt Luhmann bereits in den Sozialen Systemen (230, 660). In seinen konstruktivistischen Texten spielen an Spencer Brown angelehnte Überlegungen eine wichtige Rolle" (Zitat, Autor verloren).
Es gibt verschiedene Bezeichnung für die "soziologischen Systemtheorie von N. Luhmann. Ich bezeichne sie als funktionale Systemtheorie.
Ein Aspekt in der Kommunikationstheorie
Zitate
"Ein System „ist“ die Differenz zwischen System und Umwelt." (Einführung in die Systemtheorie: 66)
Aber auch: "Es gibt selbstreferentielle Systeme." (Soziale Systeme: 31, siehe auch Die Wissenschaft der Gesellschaft: 65).
"Die folgende Ueberlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt." (Soziale Systeme: 30). ...und auch ...
"Die Aussage 'es gibt Systeme' besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind." (Soziale Systeme: 16)
P. Fuchs: "Diese Formulierung ist das Gegenteil von Fundamentalismus oder Hermetik. Sie lädt nicht zum 'Glauben' ein, sondern beispielsweise zum Wechsel der Theorie, wenn die Sachverhalte es nicht rechtfertigen, sie für Systeme zu halten.
"Mir ist im Umgang mit Schweizer Bergbauern aufgefallen, dass sie in ihrem Schwyzerdütsch auch Verben und Substantive weglassen, wenn das selbstverständlich ist; wenn man den Rest akustisch überhaupt noch mitbekommt, sind das völlig unvollständige Sätze, die aber offenbar für die Kommunikation untereinander ausreichen. Und dann sieht man, wie über die Schulerziehung - die älteren sind zum Teil kaum zur Schule gegangen, weil sie im Sommer auf der Alm sein mussten - die Schriftkultur auch in die artikulierte Normalsprache eindringt, so dass man auch für Leute, die man nicht kennt, verständlich sein muss und für spätere und fernab existierende Menschen die gleiche Art von Sprache verwendet."
Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie
IX. Technik gdg 517
Luhmann verwendet ganz viele Wörter ganz anders als Informatiker: Programm, Code, System ... er spricht ganz offensichtlich NICHT über Technologie - sie kommt nicht vor, weil sie keine Relevanz hat.
Es gibt keine Technik der Gesellschaft !!
#Technikphilosophie N. Luhmann erläutert in WdG warum er sich nicht mit Technologie befasst: Technologie ist eine Simplifikation, die Beschreibt, was in einer nicht verstandenen oder verstehbaren Welt gleichwohl funktioniert. Soziologisch ist interessant - und wäre gemäss N. Luhmann wohl im Rahmen seiner Soziologie noch zu leisten - dass und wie es möglich ist, eine Technologie zu entwickeln, aber was in dieser Technologie steht, ist weder relevant noch interessant - ausser für Techniker, die sich mit Maschinenzeugs befassen. (WdG, S266)
Er steht damit in der Tradition der Technikphilosophie, die sich auch nicht für Technik interessiert.
Dem naiven (theorie- und disziplinlosen) Menschen scheint Technologie etwas ganz wichtiges, wie etwa auch das Bewusstsein. In der Soziologie (und selbst in der Technikphilosophie) spielt Technologie keine Rolle.
[ ]
[ ]
Anmerkungen, noch aufräumen:
N. Luhmann spricht von Kommunikation, aber so, dass es irgendwie nicht passt zu dem was in der Umgangssprache als Kommunikation bezeichnet wird. Ich überlege mir, welches andere "Begriffswort" für den Luhmannschen Begriff (Information/Mitteilung/Verstehen) passen könnte.
Mir scheint, dass N. Luhmann an Gespräche denkt, die durch eine Sprache möglich sind und eine Sprache schaffen. Sprache aber erscheint mir als Natur, nicht als etwas, was Menschen geschaffen haben.
"Die Metapher vom 'Staatsvertrag', durch den freie Naturmenschen sich selbst oder dem eingesetzten Souverän Vertrauen gewähren, entspricht keine Wirklichkeit. Gewiß: der Staatsbürger wählt. Aber die politische Wahl ist keine Beauftragung mit Interessenvertretung. Der deklarierte Leitgedanke dieser Institution lautet, daß die gewählten Volksvertreter nach Kriterien des Gemeinwohls zu entscheiden haben. Aber sie beanspruchen souveräne Entscheidungsgewalt, und einem Souverän kann man nicht vertrauen.
N. Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart 2000, S. 71 (erste Auflage 1968)
R. Todesco: Diese Überlegungen gehen davon aus, dass es keine System gibt
In der "Systemtheorie von N. Luhmann kann als Inversion der kybernetischen Systemtheorie gesehen werden. Bei N. Luhmann heisst es: "Es gibt Systeme", während die Kybernetik 2. Ordnung Systeme als Konstrukte der Beobachtung sieht. In seiner Inversion fasst N. Luhmann Handlungszusammenhänge als "funktionale Systeme" auf, wodurch (auch Kommunikations)Handlungen aus dem Zentrum rücken, resp. nur als Interpretationen (oder Zuschreibungen) erscheinen.
N. Luhmann verwendet für die Kommunikation gleichwohl ein "Mitteilungskonzept". Da aber das System keine Mitteilungen machen oder verstehen kann, delegiert er das in die Umwelt des sozialen Systems, wo er "nicht näher beschriebene "psychische System" verortet.
Die Aussage 'es gibt Systeme' besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind." (Soziale Systeme: 16)
P. Fuchs: "Diese Formulierung ist das Gegenteil von Fundamentalismus oder Hermetik. Sie lädt nicht zum 'Glauben' ein, sondern beispielsweise zum Wechsel der Theorie, wenn die Sachverhalte es nicht rechtfertigen, sie für Systeme zu halten.
Die funktionalist. Soziologie formuliert ein Bezugsproblem, und nimmt es als "Ausgangspunkt für die Frage nach äquivalenten Kausalbeziehungen" (1962, "Funktion und Kausalität").
[ ]
[ ]
[ ]
[ Zettelkasten ]
[ Weitere Sichten auf Luhmann ]
[ noch mehrSekundärliteratur ]
[ Habernas ]
[ Maturana ]
[ N. Luhmann Requisite Variety ]
[ fb noch einfügen ]
[ noch versorgen: ]
[ noch versorgen: Familie in gdg ]
[ noch versorgen: ]
[ Beobachtung ]
[wp]
Aber jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von
Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die
auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art,
wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und
nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss. Aber jetzt
habe ich vor allem für die nächste Stunde eine wichtige Ankündigung:
Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die
ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen
ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe
ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt
jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt. Ich kann natürlich
sagen: „Ich aber sage euch, ich bin der Beobachter, ich bin der Redner,
und dies ist meine Art und Weise, mich auszudrücken; wenn ihr begreifen
wollt, was ihr sagt, müsst ihr zunächst einmal sehen, dass ich
es sage, was immer das für andere bedeuten mag." Wenn man den
138
Beobachter einführt, den Sprecher oder den, dem etwas zuzurechnen
ist, relativiert man die Ontologie. Tatsächlich muss man den Gedanken
an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was
der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter
benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen
über die Welt macht.
Wenn man diese Theorieschwelle einmal nimmt, geht das überhaupt
nicht mehr pur. Es gibt dann keine beobachtungslose Welt,
sondern der, der sagt, dass es das gibt, der sagt es dann eben. Man
muss dann wissen, dass es hier eine Theorie, ein System, eine Wissenschaft,
eine Kommunikationsweise, ein Bewusstsein oder was
immer gibt, das behauptet, die Welt sei so und so beschaffen. Im
Vergleich zur Tradition, wenn ich mich für einen Moment auf das
philosophische Terrain begeben darf, ist die Ontologie nicht mehr
eine Realitätsannahme, die geteilt wird und von der man unterstellen
darf, dass alle, wenn sie nur genügend nachdenken, dieselben
Sachverhalte sehen, sondern die Ontologie wird selbst zu einem
Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand
der Differenz: Es ist oder es ist nicht der Fall, also anhand der
Differenz von Sein und Nichtsein. Man könnte die ontologische Tradition
als die Entdeckung dieser Unterscheidung beschreiben. Ob
man dies als Philosoph akzeptiert oder nicht, wir haben es jetzt immer
mit einer Weltbeschreibung zu tun, die die Sachverhaltsdarstellung
inklusive Zwecken, Handlungsbereitschaften und dergleichen
durch die Referenz auf einen Beobachter filtert. Man hat immer die
Frage, wer das sagt und wer das tut und von welchem System aus
die Welt so und nicht anders gesehen wird.
Sie werden sich erinnern, dass ich schon während der bisherigen
Vorlesung Schwierigkeiten hatte, den Beobachter außen vor zulassen.
Zum Beispiel habe ich bei der Behandlung des Bereichs der Kausalität
schon sagen müssen, weil ich mir anders nicht zu helfen wusste,
dass die Kausalität ein Beobachtungsschema ist. Der eine hält
diese Konstellation von Ursache und Wirkung für wichtig, der andere
hat andere Zuschnitte des Relevanten, andere Zeithorizonte,
andere Tendenzen, Kausalität statt etwas anderes zu sehen. Wir sind
auch bisher ohne die Relativierung auf einen Beobachter oder ohne
die Weisung, den Beobachter zu beobachten, wenn man wissen will,
was der Fall ist, nicht zurechtgekommen. Mit dem Abschnitt über
„Beobachten" will ich diese Position nur radikalisieren. Wenn man
139
den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter
gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch
einen Beobachter gesagt", sagt Maturana.49 Ich will den Begriff von
Maturana nicht komplett übernehmen, und ich komme in der nächsten
Stunde ausführlicher auf die Theorie des Beobachtens zurück.
Im Moment ist nur wichtig, dass klar wird, dass dies eine andere
Ontologie oder eine andere Metaphysik, eine komplexer gebaute
Metaphysik voraussetzt und dass dies, ich bin mir nicht ganz sicher,
wie ich das sagen soll, mit der Radikalität des Autopoiesisbegriffs
zusammenhängt. Bei Maturana kann man das bereits sehen, aber er
beschränkt sich auf den Fall des Lebens und auf die Problematik der
Koordination von Lebewesen. Wenn man davon absieht und die Idee
der Autopoiesis generell formuliert, gerät man unter Bezug auf den
Beobachter in bestimmte begriffliche Probleme, mit denen wir uns
in der folgenden Stunde beschäftigen wollen.
Im Moment ist nur wichtig, dass Sie sehen, dass ein Riss durch
die ganze Systemtheorie geht, je nachdem, ob man auf der Ebene
der Beobachtung erster Ordnung, wie wir jetzt sagen müssen, bleibt
und Sachverhalte, Objekte beschreibt - „Es gibt" Operationen, „Es
gibt" Sozialisation, „Es gibt" Bewusstsein, „Es gibt" Leben und so
weiter - und dies dann so setzt, als ob es selbstverständlich wäre,
als ob es keine Möglichkeiten anderer Unterscheidungen, anderer
Thematisierungen gäbe - die Welt wird so dargestellt, als ob sie kompakt
so da wäre, wie sie beschrieben wird -, oder ob man sich auf
die Variation einlässt, dass alles im Hinblick auf eine Referenz, auf
einen Beobachter, ein beobachtendes System oder eine beobachtende
Operation gleichsam modalisiert wird. Ich habe Gründe für die
Annahme, die ich jetzt nicht umfangreich ausbreiten kann, dass in
der modernen Gesellschaft die Beobachtung der Beobachter, das
Verlagern von Realitätsbewusstsein auf die Beschreibung von Beschreibungen,
auf das Wahrnehmen dessen, was andere sagen oder
was andere nicht sagen, die avancierte Art, Welt wahrzunehmen,
geworden ist, und zwar in allen wichtigen Funktionsbereichen, in
49 So in Maturana, Erkennen (siehe Fußnote 11), S. 34: „Alles, was gesagt wird,
wird von einem Beobachter gesagt. Der Beobachter spricht durch seine Äußerungen
zu einem anderen Beobachter, der er selbst sein könnte; alles, was den
einen Beobachter kennzeichnet, kennzeichnet auch den anderen."
140
der Wissenschaft ebenso wie in der Ökonomie, in der Kunst ebenso
wie in der Politik. Man informiert sich über Sachverhalte nur durch
Blick auf das, was andere darüber sagen. Man selbst kann auch ein
anderer sein, man braucht nicht dasselbe für wahr zu halten, aber
wenn man sich dazu kritisch einstellen wollte, müsste man sich
selbst beobachten und sich überlegen, welche Gründe man hat, diese
Meinung nicht zu teilen, diese Mode zu überspringen, diese Politik
für schlecht zu halten, obwohl andere sie für gut halten. In dem
Konzept des Beobachters wird, ich sage das im Moment noch sehr
vage, eine bestimmte Modernität und im Vergleich zur Tradition
ein Realitätsverlust formuliert. Wir brauchen nicht mehr zu wissen,
wie die Welt ist, wenn wir wissen, wie sie beobachtet wird, und
wenn wir uns im Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung orientieren
können. Wenn jemand kommt und behauptet, er wüsste es,
und uns zu belehren versucht, können wir immer fragen, und diese
Tendenz haben wir sicherlich, wer er denn ist und wo er denn herkommt:
„Da kann ja einer von der Post kommen." Jemand sagt, was
er meint, und wir sollen das als Tatsache akzeptieren? Wir machen
uns lieber unseren eigenen Vers auf die Sachen und richten uns nach
legitimierenden Systemen wie Wissenschaft, Ökonomie, Politik oder
Massenmedien, von denen wir nicht unabhängig sind, die aber ihrerseits
auch wiederum nur Beobachtungen beobachten. Das ist jetzt
nur gesagt, um Sie auf die nächste Stunde neugierig zu machen. Die
wird etwas genauer auf den Beobachter eingehen.
===========
Aber jetzt
habe ich vor allem für die nächste Stunde eine wichtige Ankündigung:
Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. (einf. 138
Tatsächlich muss man den Gedanken
an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was
der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter
benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen
über die Welt macht.
Wenn man diese Theorieschwelle einmal nimmt, geht das überhaupt
nicht mehr pur. Es gibt dann keine beobachtungslose Welt,
sondern der, der sagt, dass es das gibt, der sagt es dann eben (139
eigenartig:
Man muss dann wissen, dass es hier eine Theorie, ein System, eine Wissenschaft,
eine Kommunikationsweise, ein Bewusstsein oder was
immer gibt, das behauptet, die Welt sei so und so beschaffen.
die Ontologie wird selbst zu einem
Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand
der Differenz:
Kapitel dann auf 141
=========