Niklas Luhmann        zurück ]      [ Stichworte ]      [ Die Hyper-Bibliothek ]      [ Systemtheorie ]         [ Meine Bücher ]         [ Meine Blogs ]
 
bild

Zu N. Luhmann, resp. zu seiner Theorie gibt es in der Hyper-Bibliothek einen umfassenderen Eintrag, hier stehen nur die wichtigsten Angaben:
siehe Funktionale Systemtheorie von N. Luhmann (Einführung - Begriffe - Kybernetische Kritik)

Literatur:

Soziale Systeme (1984)

Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997)
Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988)
Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990)
Das Recht der Gesellschaft (1993)
Die Kunst der Gesellschaft (1997)
Die Religion der Gesellschaft (2000)
Die Politik der Gesellschaft (2000)
Das Erziehungssystem der Gesellschaft (2002)
Die Moral der Gesellschaft (2008)

Soziologische Aufklärung 1
Soziologische Aufklärung 2
Soziologische Aufklärung 3
Soziologische Aufklärung 4
Soziologische Aufklärung 5
Soziologische Aufklärung 6

bild

Liebe als Passion
Die Realität der Massenmedien
Was ist Kommunikation?
Kommunikation mit Zettelkästen (1981/92)
Ökologische Kommunikation
Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie
Organisation und Entscheidung (2000)
Einführung in die Systemtheorie (2002)
Einführung in die Theorie der Gesellschaft (2005)
Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus
Funktionen und Folgen formaler Organisation
Protest: Systemtheorie und soziale Bewegungen
Autopoiesis, Handlungen und kommunikative Verständigung
Beobachter. Konvergenz der Erkenntnistheorien?
Sthenographie
Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung

bild

Tautologie und Paradoxie
Reden und Schweigen
Erkenntnis als Konstruktion
Lesen lernen
Die neuzeitlichen Wissenschaften
Soziale Differenzierung
Das Risiko der Kausalität
Schriften zur Organisation 3
Macht

Aufsätze / Vorträge:

Wirtschaftsethik
Über Kreativität
Kausalität im Süden in: Soziale Systeme 1

bild Zeichen der Freiheit - oder Freiheit der Zeichen

youtube-Vortrag 1 Stunde über alles
youtube-Vorlesung: Theorie offener Systeme 1991
 
Interview

über Luhmann:

wikibooks Luhmann
fandom Luhmann_Wiki
voutube Vorlesung Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen ? 1/5

bild Gegen N. Luhmann:
Bühl, W. L.: Luhmanns Flucht in die Paradoxie
https://www.welt.de/kultur/article248370302/Niklas-Luhman-Die-Freiheiten-des-Aussenseiters.html

Zur Person

bild
Bildquelle: Wikipedia
bild

N. Luhmann (1927-1998) war Verwaltungswissenschaftler, der sich im Anschluss an den sogenannten Posistivismusstreit auf der rechten Seite (hinter K. Popper und H. Albers) gegen T. Adorno und vor allem gegen J. Habermas als und Gesellschaftstheoretiker profilierte (Habermas/Luhmann (1971): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt/M.)
N. Luhmann, der vom Bürgerblock um H. Schelsky protegiert wurde, stand zunächst in der Tradition der funktional-strukturalistischen Schule um T. Parsons, dessen "Systemtheorie" funktionierende Strukturen betonte. N. Luhmann focusierte dann aber die Funktion anstelle der Struktur.
1984 publiziert N. Luhmann sein Hauptwerk Soziale Systeme, in welchem er - in einer von H. Maturana nicht geteilten Anlehnung - seine Theorie der "Autopoiese sozialer Systeme" entwickelte, in welcher soziale Systeme sich als fortgesetzte Kommunikation hervorbringen, während die Soziologie Beobachtungen 2. Ordnung macht, in welcher sie (nur noch) beobachtet, wie die Systeme sich selbst beobachten. N. Luhmann beschrieb in der Folge einige "soziale Systeme" unter dem Titel "xy der Gesellschaft" (für xy Kunst, Religion, Wissenschaft, usw).

Die funktionale Systemtheorie von N. Luhmann (vergleichende Kritik):

In der Luhmannschen Konzeption besteht IST die Gesellschaft ein autopoietisches System, dessen Operation(sweise) darin besteht, Kommunikationen durch Kommunikationen zu produzieren - so wie der biologisch gesehenen Organismus (H. Maturana) im Metabolismus seinen Körper autopoietisiert (die Zellen produziert, aus welchen er besteht). N. Luhmann beobachtet als in seine Soziologie keine Menschen, sondern eben Kommuikationen. Menschen kommen in seiner Theorie nicht vor; die Theorie beschreibt vielmehr, wo und wie Menschen in der Kommunikation vorkommen, etwa wenn in einer Kommunikation vom "ich" oder von "Herrn Meier" usw. die Rede ist.

N. Luhmann rückt die Kommunikation, die das Wesen des Systemtheorie ist, durch eine Inversion ins Zentrum. Er folgt damit dem Informationszeitalter-Mainstream, der "Information" - seit A. Turing's universieller Maschine - als primär modelliert. Entsprechend ist seine Theorie an der Mechanik der Informationsverarbeitung orientiert, die wesentlichen Begriffe sind: System, Kommunikation, Operation, Programm, Code (also in etwa die zentralen Begriffe der Informatik).

N. Luhmann denkt aber nicht an Maschinen, sondern an Verhältnisse, die nicht teleologisch gesteuert werden, sondern selbstorganisiert Eigenwerte herausbilden (Autopoiese/Selbstorganisation). In der Gesellschaft und in den funktionalen Subsystemen gibt es keine Maschinenführer und auch kein Ziel, welches angestrebt würde. Die Gesellschaft ist ein Produkt ihrer eigenen Funktionsweise, die eben aus Kommunikationen besteht. Das technische Programm von N. Luhmann produziert deshalb Paradoxien, die er mit dem formalen Appparat von G. Spencer-Brown zu fassen versucht.

"Die beschriebene elementaristische Tendenz Luhmanns ist wahrscheinlich zu einem wesentlichen Teil durch den Einfluß der differenztheoretischen Überlegungen des Mathematikers George Spencer Brown herbeigeführt worden. Aus dessen Buch über die Laws of Form stammt die Idee einer Doppeloperation Unterscheiden/Bezeichnen (distinction, indication), die Luhmann zur Definition seines Beobachtungsbegriffs benutzt, sowie das Konzept des re-entry, des Wiedereintritts einer Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene; beides übernimmt Luhmann bereits in den Sozialen Systemen (230, 660). In seinen konstruktivistischen Texten spielen an Spencer Brown angelehnte Überlegungen eine wichtige Rolle" (Zitat, Autor verloren).

Es gibt verschiedene Bezeichnung für die "soziologischen Systemtheorie von N. Luhmann. Ich bezeichne sie als funktionale Systemtheorie.


 

N. Luhmann im Netz: N. Luhmann auf Video
Luhmann-Liste
Luhmann-yahoo-goup (englisch)
www.soziale-systeme.ch - dort die Luhmann-Prominenz
Suhrkamp

N. Luhmann auf youtube N. Luhmann Interview

bild

Glossare:
GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns
produktive differenzen

Ein Aspekt in der Kommunikationstheorie

Zitate

"Ein System „ist“ die Differenz zwischen System und Umwelt." (Einführung in die Systemtheorie: 66)
Aber auch: "Es gibt selbstreferentielle Systeme." (Soziale Systeme: 31, siehe auch Die Wissenschaft der Gesellschaft: 65).
"Die folgende Ueberlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt." (Soziale Systeme: 30). ...und auch ...
"Die Aussage 'es gibt Systeme' besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind." (Soziale Systeme: 16)
P. Fuchs: "Diese Formulierung ist das Gegenteil von Fundamentalismus oder Hermetik. Sie lädt nicht zum 'Glauben' ein, sondern beispielsweise zum Wechsel der Theorie, wenn die Sachverhalte es nicht rechtfertigen, sie für Systeme zu halten.

"Mir ist im Umgang mit Schweizer Bergbauern aufgefallen, dass sie in ihrem Schwyzerdütsch auch Verben und Substantive weglassen, wenn das selbstverständlich ist; wenn man den Rest akustisch überhaupt noch mitbekommt, sind das völlig unvollständige Sätze, die aber offenbar für die Kommunikation untereinander ausreichen. Und dann sieht man, wie über die Schulerziehung - die älteren sind zum Teil kaum zur Schule gegangen, weil sie im Sommer auf der Alm sein mussten - die Schriftkultur auch in die artikulierte Normalsprache eindringt, so dass man auch für Leute, die man nicht kennt, verständlich sein muss und für spätere und fernab existierende Menschen die gleiche Art von Sprache verwendet." Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie

IX. Technik gdg 517

Luhmann verwendet ganz viele Wörter ganz anders als Informatiker: Programm, Code, System ... er spricht ganz offensichtlich NICHT über Technologie - sie kommt nicht vor, weil sie keine Relevanz hat. Es gibt keine Technik der Gesellschaft !!
#Technikphilosophie N. Luhmann erläutert in WdG warum er sich nicht mit Technologie befasst: Technologie ist eine Simplifikation, die Beschreibt, was in einer nicht verstandenen oder verstehbaren Welt gleichwohl funktioniert. Soziologisch ist interessant - und wäre gemäss N. Luhmann wohl im Rahmen seiner Soziologie noch zu leisten - dass und wie es möglich ist, eine Technologie zu entwickeln, aber was in dieser Technologie steht, ist weder relevant noch interessant - ausser für Techniker, die sich mit Maschinenzeugs befassen. (WdG, S266) Er steht damit in der Tradition der Technikphilosophie, die sich auch nicht für Technik interessiert.
Dem naiven (theorie- und disziplinlosen) Menschen scheint Technologie etwas ganz wichtiges, wie etwa auch das Bewusstsein. In der Soziologie (und selbst in der Technikphilosophie) spielt Technologie keine Rolle.

[ ]
[ ]

Anmerkungen, noch aufräumen:

N. Luhmann spricht von Kommunikation, aber so, dass es irgendwie nicht passt zu dem was in der Umgangssprache als Kommunikation bezeichnet wird. Ich überlege mir, welches andere "Begriffswort" für den Luhmannschen Begriff (Information/Mitteilung/Verstehen) passen könnte.
Mir scheint, dass N. Luhmann an Gespräche denkt, die durch eine Sprache möglich sind und eine Sprache schaffen. Sprache aber erscheint mir als Natur, nicht als etwas, was Menschen geschaffen haben.

"Die Metapher vom 'Staatsvertrag', durch den freie Naturmenschen sich selbst oder dem eingesetzten Souverän Vertrauen gewähren, entspricht keine Wirklichkeit. Gewiß: der Staatsbürger wählt. Aber die politische Wahl ist keine Beauftragung mit Interessenvertretung. Der deklarierte Leitgedanke dieser Institution lautet, daß die gewählten Volksvertreter nach Kriterien des Gemeinwohls zu entscheiden haben. Aber sie beanspruchen souveräne Entscheidungsgewalt, und einem Souverän kann man nicht vertrauen.
N. Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart 2000, S. 71 (erste Auflage 1968)

R. Todesco: Diese Überlegungen gehen davon aus, dass es keine System gibt
In der "Systemtheorie von N. Luhmann kann als Inversion der kybernetischen Systemtheorie gesehen werden. Bei N. Luhmann heisst es: "Es gibt Systeme", während die Kybernetik 2. Ordnung Systeme als Konstrukte der Beobachtung sieht. In seiner Inversion fasst N. Luhmann Handlungszusammenhänge als "funktionale Systeme" auf, wodurch (auch Kommunikations)Handlungen aus dem Zentrum rücken, resp. nur als Interpretationen (oder Zuschreibungen) erscheinen.
N. Luhmann verwendet für die Kommunikation gleichwohl ein "Mitteilungskonzept". Da aber das System keine Mitteilungen machen oder verstehen kann, delegiert er das in die Umwelt des sozialen Systems, wo er "nicht näher beschriebene "psychische System" verortet.
Die Aussage 'es gibt Systeme' besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind." (Soziale Systeme: 16) P. Fuchs: "Diese Formulierung ist das Gegenteil von Fundamentalismus oder Hermetik. Sie lädt nicht zum 'Glauben' ein, sondern beispielsweise zum Wechsel der Theorie, wenn die Sachverhalte es nicht rechtfertigen, sie für Systeme zu halten.

Die funktionalist. Soziologie formuliert ein Bezugsproblem, und nimmt es als "Ausgangspunkt für die Frage nach äquivalenten Kausalbeziehungen" (1962, "Funktion und Kausalität").


[ ]
[ ]
[ ]
[ Zettelkasten ]
[ Weitere Sichten auf Luhmann ]
[ noch mehrSekundärliteratur ]
[ Habernas ]
[ Maturana ]
[ N. Luhmann Requisite Variety ]
[ fb noch einfügen ]
[ noch versorgen: ]
[ noch versorgen: Familie in gdg ]
[ noch versorgen: ]
[ Beobachtung ]
[wp]
Aber jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art, wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss. Aber jetzt habe ich vor allem für die nächste Stunde eine wichtige Ankündigung: Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt. Ich kann natürlich sagen: „Ich aber sage euch, ich bin der Beobachter, ich bin der Redner, und dies ist meine Art und Weise, mich auszudrücken; wenn ihr begreifen wollt, was ihr sagt, müsst ihr zunächst einmal sehen, dass ich es sage, was immer das für andere bedeuten mag." Wenn man den 138 Beobachter einführt, den Sprecher oder den, dem etwas zuzurechnen ist, relativiert man die Ontologie. Tatsächlich muss man den Gedanken an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht. Wenn man diese Theorieschwelle einmal nimmt, geht das überhaupt nicht mehr pur. Es gibt dann keine beobachtungslose Welt, sondern der, der sagt, dass es das gibt, der sagt es dann eben. Man muss dann wissen, dass es hier eine Theorie, ein System, eine Wissenschaft, eine Kommunikationsweise, ein Bewusstsein oder was immer gibt, das behauptet, die Welt sei so und so beschaffen. Im Vergleich zur Tradition, wenn ich mich für einen Moment auf das philosophische Terrain begeben darf, ist die Ontologie nicht mehr eine Realitätsannahme, die geteilt wird und von der man unterstellen darf, dass alle, wenn sie nur genügend nachdenken, dieselben Sachverhalte sehen, sondern die Ontologie wird selbst zu einem Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand der Differenz: Es ist oder es ist nicht der Fall, also anhand der Differenz von Sein und Nichtsein. Man könnte die ontologische Tradition als die Entdeckung dieser Unterscheidung beschreiben. Ob man dies als Philosoph akzeptiert oder nicht, wir haben es jetzt immer mit einer Weltbeschreibung zu tun, die die Sachverhaltsdarstellung inklusive Zwecken, Handlungsbereitschaften und dergleichen durch die Referenz auf einen Beobachter filtert. Man hat immer die Frage, wer das sagt und wer das tut und von welchem System aus die Welt so und nicht anders gesehen wird. Sie werden sich erinnern, dass ich schon während der bisherigen Vorlesung Schwierigkeiten hatte, den Beobachter außen vor zulassen. Zum Beispiel habe ich bei der Behandlung des Bereichs der Kausalität schon sagen müssen, weil ich mir anders nicht zu helfen wusste, dass die Kausalität ein Beobachtungsschema ist. Der eine hält diese Konstellation von Ursache und Wirkung für wichtig, der andere hat andere Zuschnitte des Relevanten, andere Zeithorizonte, andere Tendenzen, Kausalität statt etwas anderes zu sehen. Wir sind auch bisher ohne die Relativierung auf einen Beobachter oder ohne die Weisung, den Beobachter zu beobachten, wenn man wissen will, was der Fall ist, nicht zurechtgekommen. Mit dem Abschnitt über „Beobachten" will ich diese Position nur radikalisieren. Wenn man 139 den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt", sagt Maturana.49 Ich will den Begriff von Maturana nicht komplett übernehmen, und ich komme in der nächsten Stunde ausführlicher auf die Theorie des Beobachtens zurück. Im Moment ist nur wichtig, dass klar wird, dass dies eine andere Ontologie oder eine andere Metaphysik, eine komplexer gebaute Metaphysik voraussetzt und dass dies, ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das sagen soll, mit der Radikalität des Autopoiesisbegriffs zusammenhängt. Bei Maturana kann man das bereits sehen, aber er beschränkt sich auf den Fall des Lebens und auf die Problematik der Koordination von Lebewesen. Wenn man davon absieht und die Idee der Autopoiesis generell formuliert, gerät man unter Bezug auf den Beobachter in bestimmte begriffliche Probleme, mit denen wir uns in der folgenden Stunde beschäftigen wollen. Im Moment ist nur wichtig, dass Sie sehen, dass ein Riss durch die ganze Systemtheorie geht, je nachdem, ob man auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, wie wir jetzt sagen müssen, bleibt und Sachverhalte, Objekte beschreibt - „Es gibt" Operationen, „Es gibt" Sozialisation, „Es gibt" Bewusstsein, „Es gibt" Leben und so weiter - und dies dann so setzt, als ob es selbstverständlich wäre, als ob es keine Möglichkeiten anderer Unterscheidungen, anderer Thematisierungen gäbe - die Welt wird so dargestellt, als ob sie kompakt so da wäre, wie sie beschrieben wird -, oder ob man sich auf die Variation einlässt, dass alles im Hinblick auf eine Referenz, auf einen Beobachter, ein beobachtendes System oder eine beobachtende Operation gleichsam modalisiert wird. Ich habe Gründe für die Annahme, die ich jetzt nicht umfangreich ausbreiten kann, dass in der modernen Gesellschaft die Beobachtung der Beobachter, das Verlagern von Realitätsbewusstsein auf die Beschreibung von Beschreibungen, auf das Wahrnehmen dessen, was andere sagen oder was andere nicht sagen, die avancierte Art, Welt wahrzunehmen, geworden ist, und zwar in allen wichtigen Funktionsbereichen, in 49 So in Maturana, Erkennen (siehe Fußnote 11), S. 34: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. Der Beobachter spricht durch seine Äußerungen zu einem anderen Beobachter, der er selbst sein könnte; alles, was den einen Beobachter kennzeichnet, kennzeichnet auch den anderen." 140 der Wissenschaft ebenso wie in der Ökonomie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Man informiert sich über Sachverhalte nur durch Blick auf das, was andere darüber sagen. Man selbst kann auch ein anderer sein, man braucht nicht dasselbe für wahr zu halten, aber wenn man sich dazu kritisch einstellen wollte, müsste man sich selbst beobachten und sich überlegen, welche Gründe man hat, diese Meinung nicht zu teilen, diese Mode zu überspringen, diese Politik für schlecht zu halten, obwohl andere sie für gut halten. In dem Konzept des Beobachters wird, ich sage das im Moment noch sehr vage, eine bestimmte Modernität und im Vergleich zur Tradition ein Realitätsverlust formuliert. Wir brauchen nicht mehr zu wissen, wie die Welt ist, wenn wir wissen, wie sie beobachtet wird, und wenn wir uns im Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung orientieren können. Wenn jemand kommt und behauptet, er wüsste es, und uns zu belehren versucht, können wir immer fragen, und diese Tendenz haben wir sicherlich, wer er denn ist und wo er denn herkommt: „Da kann ja einer von der Post kommen." Jemand sagt, was er meint, und wir sollen das als Tatsache akzeptieren? Wir machen uns lieber unseren eigenen Vers auf die Sachen und richten uns nach legitimierenden Systemen wie Wissenschaft, Ökonomie, Politik oder Massenmedien, von denen wir nicht unabhängig sind, die aber ihrerseits auch wiederum nur Beobachtungen beobachten. Das ist jetzt nur gesagt, um Sie auf die nächste Stunde neugierig zu machen. Die wird etwas genauer auf den Beobachter eingehen. =========== Aber jetzt habe ich vor allem für die nächste Stunde eine wichtige Ankündigung: Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. (einf. 138 Tatsächlich muss man den Gedanken an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht. Wenn man diese Theorieschwelle einmal nimmt, geht das überhaupt nicht mehr pur. Es gibt dann keine beobachtungslose Welt, sondern der, der sagt, dass es das gibt, der sagt es dann eben (139 eigenartig: Man muss dann wissen, dass es hier eine Theorie, ein System, eine Wissenschaft, eine Kommunikationsweise, ein Bewusstsein oder was immer gibt, das behauptet, die Welt sei so und so beschaffen. die Ontologie wird selbst zu einem Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand der Differenz: Kapitel dann auf 141 =========