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Geschichte
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Als Geschichte bezeichne ich einen Text, der eine chronologisch geordnete Abfolge verschiedener Zustände einer jeweilig gewählten Sache beschreibt. Die Genese beschreibt die Entwicklung der Sache dagegen unter genetisch-logischen Gesichtspunkten.
Eine Sache ist kein Ereignise, sie kann verschieden Zustände annehmen. Ich beschreibe sie ohne Handlungen zu erwähnen und ohne Deutungen, rein strukturell, deskriptiv, nicht narrativ. Die hier gemeinte Geschichte beschreibt Veränderungen in Strukturen, Verteilungen, Institutionen, nicht in Personen oder Absichten, ohne psychologisierende oder intentionale Sprache.
Viele Geschichten beschreiben eine Entwicklung, in welcher das strukturelle Niveau in der Abfolge der Zustände beispielsweise durch Differenzierung zunimmt. Oft wird die Abfolge in Perioden unterteilt.
Geschichten haben einen Anfang und ein Ende, sie werden von einem Autor geschrieben, der nichts dafür kann, dass und wie sich die beschrieben Sache verändert hat, der aber die jeweilige Sache als Sache gewählt hat. Tautologischerweise kann ich zu jeder Sache eine Geschichte schreiben, aber keine Geschichte überhaupt: Bindestrich-Geschichten.
Für Geschichten spielt keine Rolle, inwiefern sie wahr oder richtig sind. Der Wahrheitsanspruch von Geschichten bezieht sich nicht auf ihre Faktizität, sondern auf die Angemessenheit der Beschreibung im Verhältnis zur gewählten Sache. Ich kann von einer Geschichte behaupten, dass sie die beschriebene Sache richtig darstelle. Geschichten beschreiben, was der Fall war. Sie beschreiben aber nicht die Vergangenheit. Geschichte ist nicht retrospektiv, sondern relativ zu einem Standpunkt - auch ein zukünftiger Standpunkt kann eine Geschichte der Vergangenheit erzeugen. In Science-Fiction wird oft beschrieben, wie die Erde früher war.
Zur hier gemeinten Geschichte gibt es keine Lehre. Eine Lehre gibt es dagegen zur Geschichtsschreibung. Sie hat keinen mir bekannten Namen im Sinne einer "Geschichts-ologie". Sie ist weitgehend implizit, wird aber im Proseminar des Geschichtsstudium unterrichtet.
Geschichte beschreibt keine Ereignise, das tun Erzählungen. Dass etwa Napoleon auf die Insel St. Helena verbannt wurde, ist eine Erzählung. Damit wird nichts über einen Zustand gesagt, weder über seinen noch über jenen von Frankreich oder der Insel.
Zur Geschichte von Frankreich dagegen gehört, die Periode, in welcher Napoleon regiert hat. In dieser Zeit war Frankreich in einem bestimmten Zustand, oder genauer ein Aspekt von Frankreich.
Zur Geschichte von Napoleon gehört, dass er Kaiser war. Das ist nicht etwas, was er getan oder erlebt hat.
Literatur
„Das Besondere an der Sinngeschichte ist vielmehr, das sie wahlfreien Zugriff auf den Sinn von vergangenen bzw. künftigen Ereignissen ermöglicht, also ein Überspringen der Sequenz. Geschichte entsteht durch Entbindung von Sequenzen. Ein Sinnsystem hat in dem Maße Geschichte, als es sich durch freigestellte Zugriffe limitiert - sei es durch bestimmte vergangene Ereignisse (die Zerstörung des Tempels, die Krönung des Kaisers durch den Papst, die Niederlage von Sedan; oder im kleineren: die Hochzeit, der Abbruch des Studiums, die erste Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe, das ‚coming out' des Homosexuellen), oder sei es durch Finalisierung der Zukunft. Geschichte ist demnach immer: gegenwärtige Vergangenheit bzw. gegenwärtige Zukunft; immer: Abstandnahme von der reinen Sequenz; und immer: Reduktion der dadurch gewonnenen Freiheit des sprunghaften Zugriffs auf alles Vergangene und alles Künftige.” (Luhmann, SoSy, 118)
"Zum Begriff einer sinnhaften Geschichte gehört eine (je gegenwärtig konstituierte, in die Vergangenheit projizierte) Differenz von Möglichem und Wirklichem. Das "Geschichtsbild" einer Gesellschaft variiert deshalb nicht nur infolge der je gegenwärtigen Selektion und Aufmachung von Fakten, die man aus erkenntnismäßigen oder anderen Gründen für berichtenswert hält; sondern es variiert in den Konstitutionsbedingungen der Selektivität, vor allem in der Unaufhebbarkeit der Möglichkeit anderer Möglichkeiten, die heute möglich sind. Um nur ein Beispiel zu geben: Es ist nahezu unvermeidbar, daß wir Gesellschaften ohne politisch organisierte Möglichkeit einer bindenden Entscheidung von Rechtskonflikten unter dem Gesichtspunkt des "Fehlens'' dieser Möglichkeiten betrachten und Übergangslagen so analysieren, als ob es beide Möglichkeiten "gäbe" und erst die eine, dann allmählich die andere verwirklicht würde." (Luhmann, N. (1972) Weltzeit und Systemgeschichte, S.131, in: Luhmann, N. (2005) Soziologische Aufklärung, Band2, S. 128-166)
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[ 15. 2.26 ]