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Geschichtsschreibung
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Tautologischerweise kann ich zu jeder Sache eine Geschichte schreiben, aber keine Geschichte überhaupt.
Beispiele:
Geschichte des Menschen, Geschichte des römischen Reiches, Geschichte des Geldes, Geschichte der Technik, Geschichte der Demokratie, der Philosophie, des Handwerkes, der Kunst. Umgekehrt begründet jede Geschichte ihren Gegenstand, indem sie ihn darstellt.
Und umgekehrt kann ich eine Geschichte unter einer besonderen gegenständlichen Perspektive schreiben.
Beispiel:
die Geschichte der Schweiz als Technikgeschichte, als Finanzgeschichte, als Reformationsgeschichte, als ...
Ich unterscheide die Naturgeschichte und die Kulturgeschichte, erstere wird von Naturwissenschaften, letztere von Geisteswissenschaft erzählt. Der Homo sapiens ist Gegenstand der Evolutionsgeschichte bis zu dem Zeitpunkt, an dem er angefangen hat, sich seine Geschichte zu erzählen, und so Gegenstand der Revolutionsgeschichte geworden ist. Die Geschichte des Tier-Mensch-Übergangsfeld wird von Archäologen und Naturrechtlern erzählt und gilt den Kulturwissenschaftler, die an der ganzen Kulturgeschichte interessiert sind, als Vorgeschichte bezeichnet, weil weil sie für ihre Wahrheitsansprüche keine noch so dürftige Quellen haben.
Geschichte nenne ich eine bestimmte Ansammlung von Geschichts-Geschichten, die unter verschiedenen Gesichtspunkten angeordnet und verküpft werden, so dass eine Art "Welt"geschichte entsteht.
Die Schulbuch-Geschichte thematisiert Völker, Nationen und Kriege, also Herrschaft über Blut und Boden. Man kann - und in den meisten Schulbücher wird das getan - die Perspektive und den narrativen Faden ausblenden. Die Weltgeschichte erscheint dann in Episoden zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten. Am Anfang unserer Zeitrechnung etwa hat die Geschichte fast ausschliesslich in Griechenland und dann im Römischen Reich gespielt. Die Weltkarte gibt mir keinerlei Indize dafür, dass an den andern Orten auf der Erde nichts passiert sein soll. Später scheint der Geschichte zufolge auch in Griechenland und rund um Rom nichts mehr passiert zu sein, die Geschichte ist zu andern Schauplätzen gewandert. Die sogenannten Weltkriege dagegen erscheinen umgekehrt als weltweite Kriege, obwohl in dieser Zeit auch an vielen Orten nichts passiert ist. Die Wahl der Orte und die Benennung der Ereignisse erscheint beliebig. |
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Natürlich ist immer überall etwas passiert, aber nicht alles scheint perspektivisch wichtig genug, um als Geschichte erzählt zu werden. Die Episoden-Geschichte tut sich schwer mit dem Verschwinden von Hochkulturen. Für den Zerfall von Rom hat die Geschichtsschreibung die Dekandenz erfunden; die dekadent Römer sind an Quecksilbervergiftungen oder wegen zu viel Sex verblödet. Einfacher sind Kriege und Eroberungszüge, die die Geschichte beherrschen, weil sie als Episoden erzählt werden können. Das wirft auch ein Licht auf die in der Geschichte bezeichneten Kulturen, die sich immer auch als Feldzüge verstehen lassen.