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Diese Variante steht im Blog 18. April 2026

In der Alltagssprache werden die Ausdrücke Zweck und Ziel sehr unterschiedlich verwendet, häufig werden sie synonym verwendet und oft verwechselt. Beide Ausdrücke werden oft auf Maschinen und oder auf Organe bezogen. Ich beziehe die Begriffe ausschliesslich auf Handlungen von Menschen. Menschen setzen und verfolgen Ziele. Ihre Handlungen sind zweckmässig, wenn sie dem Erreichen der Ziele dienen.

Die Ausdrücke Zweck und Ziel haben auch in der Philosophie eine lange Tradition. Der Sklavenhalter Aristoteles hat in seiner Teleologie Ziel und Zweck voneinander unterschieden. Bei ihm sind den Zwecken Mittel zugeordnet, die für sich betrachtet in einer Zweck-Mittel-Relation selbst wiederum Zwecke darstellen können. Damit stellt sich für ihn die Frage nach dem letzten Zweck, der nicht wiederum zum Mittel werden kann. Die Behandlung dieser Frage ist bei ihm Aufgabe der Ethik. Das interessiert hier nicht.

Den Ausdruck Zweck verwende ich in einem vergleichsweise begrenzten Sinn nur in Bezug auf zielorientierte Tätigkeiten. Eine Sache oder ein Gegenstand hat kein Ziel, also auch keinen Zweck. Umgangssprachlich sagt man etwa, der Zweck eines Hammer sei, Nägel einzuschlagen. Aber der Hammer schlägt keine Nägel ein. Oder man sagt, der Zweck eines Wasserrad sei, eine Mühle anzutreiben. Aber das Wasserrad handelt nicht, es erfüllt eine Funktion innerhalb der Mühle, die von Menschen betrieben wird. Zweck wird in solchen Redeweisen quasi synonym anstelle von Funktion verwendet.

Als Zweck bezeichne ich ich das, womit ich eine Tätigkeit begründe. Nach dem Zweck einer Handlung frage ich mit "wozu" wird dies oder das getan. Als Zweck erscheint in der Antwort ein durch die Tätigkeit angestrebtes Ziel. Das Ziel einer medizinischen Operation etwa kann sein, dass etwa ein entzündeter Blinddarmfortsatz entfernt und die Bauchdecke wieder geschlossen ist. Damit wird ein Zielzustand beschrieben, der die Operation beschliesst. Der Zweck dieser Operation ist die Erhaltung der Gesundheit des Patienten oder spezieller formuliert, die Vermeidung von absehbaren Folgen der Entzündung, etwa eines Darmdurchbruches. Mit dem Zweck wird das Operieren begründet, nicht das Ziel der Operation.

Wenn ich ein möglichst fotorealistisches Bild von meinem Hund male, verteile ich Farbe auf einer Leinwand. Mein Ziel ist eine adäquate Abbildung, auf welcher mein Hund erkennbar ist. Der Zweck meines Malens liegt in der Verwendung des Bildes, ich will vielleicht anderen zeigen, wie mein Hund aussieht oder ihn auch sehen, wenn er nicht (mehr) da ist.

Wozu malst Du? Um ein Bild herzustellen? Wozu stellst Du ein Bild her? Weil ich es gerne mache. In diesem Fall spielt das Bild keine Rolle, das Malen hat einen anderen Zweck.

Quasi-etymologisch stammt "Zweck" von der Zwecke, einem Nagel, mit welchem Zielscheiben an Bäumen befestigt wurden. Die Zwecke wurde durch das Zentrum der Zielscheibe geschlagen, so dass der Schütze auf die Zwecke zielte, woraus der Ausdruck Zweck - sprachlich verkürzt - für Ziel abgeleitetet wurde. Der Zweck des Schiessens ist nicht eine Scheibe oder einen Nagel zu treffen. Auf die Scheibe zu schiessen (Tätigkeit) hat den Zweck das Schiessen zu üben oder zu zeigen, dass man gut Schiessen kann. Das Ziel des Schüztzen ist in diesem Fall nicht die Scheibenmitte, sondern die Zwecke in der Mitte der Scheibe zu treffen. Und der Zweck ist noch etwas ganz anderes.

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Mit dem Fragewort wozu frage ich nach einer beabsichtigten (erhofften) Wirkung, mit warum frage ich nach (vermuteten) Ursachen. Auf warum-Fragen antworte ich mit "weil". Auf wozu-Fragen antworte ich mit "für dies oder das". Beide Fragen implizieren eine Handlung, die ich nicht deuten kann. Wenn ich mich frage, stehe ich quasi neben mir: Wozu oder warum - um Gottes Willen - mache ich das alles?

Nach dem Zweck will ich jetzt das Ziel noch etwas genauer erläutern. Als Ziel bezeichne ich das (intendierte) Resultat einer Handlung, dessen Erreichen die Handlung abschliesst. Jede Handlung hat ein Ziel. Das Ziel muss aber nicht ereicht werden. Eine Handlung kann auch beendet werden, ohne dass das Ziel erreicht ist. Und natürlich kann eine Handlung, bei der das Ziel erreicht wurde, wiederholt werden.

Ich will noch etwas auf die Verkürzungen in der Umgangssprache eingehen. Beim Ski- oder Radrennen beispielsweise wird das Ende der Rennstrecke als Ziel bezeichnet. Das Ziel der Fahrer bei einem Rennen besteht darin, den Ziellienie schneller als seine Konkurenten zu erreichen. Diese Handlung wiederholt er beliebig oft, unabhängig davon, ob er sein Ziel je erreicht. Dass er in einem Rennen die Ziellinie erreicht, ist nicht sein Ziel, er muss sie rechtzeitig erreichen. Das Ziel eines Bergsteigers ist im gegebenen Fall das Erreichen eines Gipfels. Der Gipfel ist dabei nicht sein Ziel. Sein Ziel ist den Gipfel zu erreichen. Diesee Beispiele zeigen eine verbreitete umgangssprachliche Verkürzung, wonach Orte als Ziel aufgefasst werden. Etwa wenn von Reisezielen gesprochen wird.

Schliesslich muss ich noch eine verdrehte Wortverwendung erläutern, die bis weit in die Wissenschaften hineinreicht, weil sie schon in den antiken Vorläufern der Philosophie, etwa durch die Vorstellung einer Zweckursache angelegt wurde.

N. Wiener hat in seiner Kybernetik das Wort Ziel eigen-sinnig einem Mechanismus zurechnet. Er hat den Sollwert einer Regelung als Ziel bezeichnet. Er sagte, eine thermostatengeregelte Heizung verfolge das Ziel, die Temperatur konstant zu halten. Im Aufsatz : Behaviour, Purpose and Teleology hat N. Wiener die Teleologie in der Absicht eingeführt, die philosophische Leseweise von Telos auf die Füsse zu stellen.

Das vermeintliche Ziel einer thermostatengeregelten Heizung ist natürlich nicht das Ziel der Heizung, sondern das Ziel des Menschen, der die Heizung zum Heizen verwendet. Der Zweck des Heizens besteht darin, den Raum zu wärmen. Der Zweck des Regeln besteht darin, die Raumtemperatur konstant bei einem vorgegebenen Sollwert zu halten. Wer einen Raum heizt, macht das normalerweise auch, wenn er keinen Thermostaten hat. Auch der Benutzer einer thermostatengeregelten Heizung verfolgt dieses Ziel.

Das Beispiel zeigt insbesondere auch, dass ein Ziel immer wieder angestrebt werden kann. Wenn es mir gelungen ist, die Raumtemperatur mit der Tätigkeit Heizen auf beispielsweise 20 Grad zu bringen, ist es naheliegen, dass ich mit dem Heizen nicht aufhöre. Ich antizipiere, dass die Temperatur fallen würde und beginne meine Tätigkeit mit demselben Ziel quasi von Neuem. Nebenbei bemerkt hat die Kybernetik auf diese Weise die Zeit ins Spiel gebracht. Hier geht es mir aber darum, dass das kybernetische Ziel eben kein Ziel ist, worauf der vorangestellte Wortteil ja so verweist, wie der Wortteil Erd anzeigen soll, dass"Erd"-Beeren keine Beeren sind.


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