Vortrag im autopoietischen Kreis 14. 1.2026
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Vor dem Vortrag:Dieser Vortrag ist eine Lehre über das Zeichnen, nicht die Lehre. Ich begreife das Zeichnen darin als eine herstellende Tätigkeit. Ihr könnt selbstverständlich beliebige andere Sichtweisen haben. Konstruktivismus heisst ja in einem dialogischen Sinn, die je eigene Sichtweise zu thematisieren. Ich spreche über das, worauf ich meine herstellende Tätigkeit intentional beziehe, also über meine Lebenswelt. Wenn ich etwas zeichne, interessiert mich nicht, was auf einer quantenphysikalischen Ebene passiert und nicht wie die Sterne der Milchstrasse davon betroffen sind. Ich spreche über Dinge, die ich anfassen kann. Mich interssiert auch hier nicht, was im Bewusstsein oder in der Psyche passiert. Ich spreche nicht über philosophische Bedingungen der Möglichkeit. Wahrheit und Realität kommt in meine Lehre nicht vor. Mich interessiert, wie ich und wir über das sprechen, was wir bei je anderen beobachten können. Was ich ausschliesslich introspektiv feststellen kann, lasse ich aussen vor. Ich weiss, dass das eine behavioristische Zumutung ist. Ich bitte Euch, darauf zu achten, wo Eure allfälligen Einwände aus anderen Welten, aus Welten des nicht Anfassbaren kommen.
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Ich möchte heute mit Euch über das Zeichnen oder über das Herstellen von Zeichnungen sprechen. Mich interessiert dabei - wie immer - vor allem wer darüber wie spricht. Ich gehe hier zunächst davon aus, dass in einem phänographischen Sinn hinreichend klar ist, was zeichnen heisst, und dass jeder von uns auf seine Weise weiss, was er als zeichnen bezeichnet. Ich gehe aber natürlich auch davon aus, dass wir das Wort zeichnen sehr verschieden verwenden, sonst hätte dieser Vortrag gar keinen Sinn.
Ich habe Euch gebeten einen Bleistift und ein Stück Papier mitzubringen, damit wir sehen können, inwiefern wir das Wort zeichnen hinreichend gleich für das verwenden, was wir mit einem Bleistift auf einem Stück Papier tun, wenn wir es als zeichnen bezeichnen. Ich bitte Euch, etwas zu zeichnen, damit wir sehen können, inwiefern wir vom Gleichen sprechen. Mit einem Bleistift kann ich auch kritzeln oder schreiben.
Ich bitte Euch bewusst, nicht zu zeichnen, sondern etwas zu zeichnen. Und weil Ihr als Erwachsene im Unterschied zu Kleinkindern wohl bereits kulturelle etwas verformt seid, bitte ich Euch ausdrücklich keine geometrischen Figuren, keine Pläne, also keine Konstruktions- oder Stadtpläne und keine abstrakte Kunstwerke zu zeichnen.
Wäre ich der erste Mensch auf Erden, der das Zeichnen gerade entdeckt oder erfunden hätte, würde ich mich fragen, was ich als erstes zeichnen soll. Ihr kennt vielleicht Höhlenmalereien, aber vielleicht sind es ja nicht die ersten Zeichnungen überhaupt.
Wenn ich etwas zeichnen soll oder will, stellt sich natürlich auch die Frage, was ich überhaupt zeichnen kann. Mit dieser Frage will ich mich hier später eingehender befassen. Auf Eure Beispiele von heute bin ich gespannt.
Ich gehe davon aus, dass alle, die hier sind zeichnen können. Ich vermute aber, dass die meisten sich über das Zeichnen noch nicht sehr viele Gedanken gemacht haben. Diese Annahme beruht vor allem darauf, dass ich über das Zeichnen insgesamt keine oder nur sehr spezielle Literatur finden kann. Zeichnen braucht offenbar keine Reflexion.
Fast alles, was ich über das Zeichnen in der Literatur und im Internet finden kann, behandelt, wie ich am besten zeichnen würde. Es sind Zeichnen-Kurse, in welchen das Zeichnen selbst nicht thematisiert wird. Die Kurse, die sehr oft auch Malkurse sind, setzen voraus, was als Zeichnen bezeichnet wird. Sie behandeln verschiedene Techniken der Bilderherstellung und die dazu passenden Arbeitsmittel und Materialien. Wer solche Kurse besucht, will nicht wissen, was Zeichnen ist, er will das Zeichnen besser können, im besten Fall sogar Kunstmaler werden. Zeichnenkönnen wird durch Vormachen vermittelt, nicht durch Beschreibungen davon, was Zeichnen ist. Mich interessiert aber nicht, was ich wie zeichnen sollte oder könnte, sondern die Tätigkeit, die ich zeichnend ausübe. Ich will sagen können, was ich beim Zeichnen mache.

Als - eigentliches - Zeichnen bezeichne (sic!) ich eine herstellende Tätigkeit, mittels welcher ich Zeichnungen herstelle, also Striche so forme und anordne, dass sie - im Prinzip - die Form der jeweils gezeichneten Dinge re-präsentieren, diese Dinge also so nochmals zeigen.
Zuerst sage ich aber etwas über das Herstellen. Gleichgültig was ich herstelle, ich forme dabei immer Material. Ich denke hier exemplarisch an das Herstellen einer einfachen Schale aus Lehm, den ich entsprechend forme. Jedes Herstellen entwickelt sich mit den Werkzeugen, die ich dabei verwende. Die jeweiligen Werkzeuge zeigen mir, was zuvor noch in der Tätigkeit aufgehoben war. Der Bleistift beispielsweise erübrigt, dass ich Farbe zum Zeichnen - wie etwa die Tinte, wenn ich mit der Feder zeichne - separat herbeischaffen muss.
Was ich herstelle, bezeichne ich als Gegenstand. Jeder Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, die ich ihm durch das Herstellen gebe. Ein Hammer etwa ist zum Hämmern gemacht. Er bleibt ein Hammer, auch wenn ich ihn als Briefbeschwerer verwende. Die Gegenstandsbedeutung einer Schale besteht darin, Mengen von Flüssigkeiten oder relativ losen Objekkten aufzubewahren. Sie erfüllt verschiedene Funktionen wie Schöpfen.
In meiner Lehre des Zeichnes beginne ich also - quasi tautologischerweise - mit dem Herstellen und Anordnen von Strichen.
Die Striche, die ich herstelle, sind materielle dreidimensionale Körper, die beim Zeichnen als Bauelemente fungieren. Im Unterschied zu Bausteinen stelle ich diese Bauelemente her, wenn ich sie verwende. Was ich womit zeichne, spielt dabei keine Rolle. Um ein paar grundsätzliche Aspekte der Tätigkeit zu erläutern, beschreibe ich zunächst den exemplarischen Fall, in welchem ich eine Zeichnung mit einem Bleistift auf einem Stück Papier herstelle.
Beim Zeichnen mit einem Bleistift ordne ich Graphit, das zunächst in der Bleistiftmine gelagert ist, auf dem Papier in der gewünschten Form an. Der gezeichnete Strich besteht aus einer Anordnung von kleinen Gafitkörpern, die zusammen- und gleichzeitig auf dem Papier haften. Der Körper dieses Striches ist durch eine Lupe betrachtet eine Art flache Trockenmauer, die nicht besonders hoch ist. Durch ein Vergrösserungsglas erscheint der Strich wie die chinesische Mauer von einem hochfliegenden Flugzeug aus gesehen, also wie eine Mauer, die einer bestimmten Linie folgt.
Das Zeichnen hat eine Keimform in der Markierung, die ich für mich irgendwo anbringe. Ich kann beispielsweise an einer bestimmten Stelle einen Stein hinlegen oder einen Ast knicken oder eine Kerbe in einen Baum ritzen. Solche Markierungen sind Resultate von Tätigkeiten, mit welchen ich einen jeweiligen Sinn verbinde. Markierungen dienen mir als externes Gedächtnis, sie sollen mich an etwas erinnern. Als Keimform bezeichne ich solche Markierungen, weil sie noch nicht wie Zeichnungen hergestellte Gegenstände sind. Ich erkenne quasi rückblickend, wie sich daraus eigentliche Zeichnungen entwickelt haben.
Die Kerbe, die ich in einen Baum oder einen Fels ritze, ist keine Zeichnung. Sie ist kein geformtes Material, sondern ein Negativ, wie ich es mit meinem Finger im Sand "zeichne". Dabei stelle ich keinen Gegenstand her. Ich kann aber - im Nachhinein - in solchen Vertiefungen eine Gussform erkennen, die ich mir mit herausnehmbaren Material gefüllt vorstellen kann. Ich zeichne dabei sozusagen die Form der Form, die ich zum Herstellen der Zeichnung verwenden würde. Die Zeichnung eines Gugelhopfes zeigt nicht, ob ich den Kuchen oder die Backform gezeichnet habe. Ich werde darauf zurückkommen, hier geht es vorerst nur darum, die Zeichnung als Gegenstand zu erkennen.
Das Zeichnen mit einem Bleistift ist ein eigentliches herstellendes Handwerk. Das Zeichnen entwickelt sich wie jede herstellende Tätigkeit mit der Entwicklung der Werkzeuge, womit auch eine Entwicklung des verwendeten Materials einhergeht. Auch wenn ich mittels eines Computers zeichne, stelle ich - wie vermittelt auch immer - materielle Striche her.
Der Gegenstand, den ich zeichnend herstelle, hat - wie jeder hergestellte Gegenstand - eine durch die Herstellung gegebene Form. Die Striche, die ich zeichnend herstelle, fungieren als Konstruktionselemente, die ihrerseits eine Form haben, so wie Backsteine, die ich für eine Mauer verwende, auch ein Form haben, ohne dass sie die Form der Mauer festlegen. Die Form der Konstruktionselemente beschränkt, was ich mit ihnen herstellen kann, aber sie bestimmt nicht die Form des hergestellten Gegenstandes. Mit Bachsteinen kann ich sehr verschiedene Mauern herstellen und ich kann auch sehr verschieden grosse Bachsteine verwenden.
Ich kann Bleistifte mit verschieden dicken und verschieden weichen Minen verwenden, was die Form der Striche beeinflusst, aber nicht bestimmt.
Die Striche, die ich für eine Zeichnung verwende, stelle ich erst beim Zeichnen her und gebe ihnen die Form, die ich im jeweiligen Fall brauche. In diesem Sinn sind Striche sehr flexible Konstruktionselemente, deren Länge, Dicke und Form ich in einem weiten Bereich wählen kann.
Wenn ich - im hier gemeinten Sinn einer Tätigkeit - zeichne, stelle ich einen von mir intendierten Gegenstand her, der aus Strichen besteht. Jeder Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, die der Intention des Herstellers entspricht.
Die Gegenstandsbedeutung einer Zeichnung liegt nicht in einer irgendwie gearteten inhaltlichen Bedeutung, sondern in der Bedeutung der gegenständlichen Zeichnung selbst. Wer eine Zeichnung herstellt, mag zwar einen von Menschen interpretierbaren Verweis intendieren, aber er konstruiert einen materiellen Gegenstand, also beispielsweise eine pixelmässig geordnete Graphitkonstruktion, die ich als Artefakt auffassen kann, ohne mich dafür zu interessieren, was die Zeichnung für wen bedeuten oder was sie zeigen soll.
Die Zeichnung dient dazu, Licht in einem wohldefinierten Muster zu brechen, so dass entsprechende Signale zum Auge des Betrachters fliessen.
Als Hersteller stelle ich dreidimensionale Striche her, weil ich gar nicht anders kann. Die Funktion, die diese Gegenstände erfüllen, besteht in einer Ablenkung von Lichtstrahlen, was auf der Oberfläche der Gegenstände passiert. Die Oberfläche - im Sinne der Geometrie - aller Gegenstände ist zweidimensional, weshalb mir als Betrachter die Striche zweidimensional erscheinen. Natürlich fallen nicht die Striche und auch nicht deren Oberfläche in meine Augen, sondern das durch sie strukturierte Licht trifft meine Retina, die natürlich auch ein dreidimensionales Gebilde ist.
Zeichnungen bestehen aus materiellen Strichen, die einer hinzugedachten Linie folgen. Als Linie bezeichne ich - in einer etwas euklidischen Auffassung -, was ich mit einer nicht unterbrochenen Bewegung mit einem Bleistift auf einem Papier darstellen kann. Die gerade Linie oder Gerade stellt ein Spezialfall dar, der andere Linien als Kurven erscheinen lässt. Die Linie hat bei Euklid nur eine Dimension. Was ich zeichne ist also keine Linie, sondern einen Strich, der ein dreidimensionaler, materieller Gegenstand ist. Mit einem Strich kann ich insbesondere auch den Verlauf einer Linie darstellen.
Ich zeichne beispielsweise einen Gegenstand, etwa ein Buch oder eine Türe mit einem rechteckigen Umriss. Was ich dabei zeichne, hat die Form eines Rechteckes. Umgangssprachlich kann ich sagen, dass ich ein Rechteck zeichne. Aber in dieser Redeweise erscheint das Rechteck wie eine Katze oder ein Einhorn als sichtbare Sache. Geometrische Figuren sind aber keine sichtbaren Sachen, sie bestehen aus Linien, nicht aus Strichen, deshalb kann ich sie nicht sehen.
Meine Zeichnung ist ein hergestellter Gegenstand, die geometrische Figur nicht. Was ich zeichne, ist vom Umriss des jeweiligen Gegenstandes abhängig. Dass ich im Falle eines Buches ein Rechteck zeichne, ist von der Form des Buches abhängig. Ich zeichne quasi das Buch. Dass ich die Anordnung der dabei verwendeten Striche als Rechteck bezeichne, beruht darauf, dass ich darin ein bestimmtes Muster oder eine bestimmte Gestalt aus der Geometrie erkenne.
Bei hergestellten Gegenständen unterscheide ich Anschauwerke von anderen Gegenständen. Einen Hammer oder eine Schale kann ich auch anschauen, aber ich stelle beides nicht wie Zeichnungen zum Anschauen her. Anschauwerke müssen nicht auf etwas verweisen und nichts abbilden, was jenseits der Zeichnung existiert.
Zeichnungen können verschiedene Funktionen erfüllen, aber sie müssen jenseits des Sinnes, den sie haben, angeschaut werden. Viele dienen - was auch meiner Wortwahl zugrunde liegt - als Kunstwerke.
Als Anschauwerk bezeichne ich eine Teilmenge jener hergestellten Gegenstände, die genau dafür hergestellt werden, angeschaut zu werden.
Als eigentliche oder entwickelte Anschauwerke bezeichne ich Gegenstände, die im Unterschied zu den erwähnten Keimformen einen je eigenständigen Körper haben und nicht nur Veränderungen beispielsweise Baumstämmen sind. Ich befasse mich hier der Einfachheit halber nur mit Zeichnungen.
Ich unterscheide Anschauwerke, die unmittelbar abbilden und solche, die ich nur mittels einer Vereinbarung zuordnen kann. Umgangssprachlich spreche ich von Bildern und von Beschreibungen, oder etwas technischer von Ikonen und Symbolen. Die Zeichnung einer Uhr zeigt die Uhr, das Wort Uhr dagegen zeigt nichts von einer Uhr. Hier ist nur wichtig, dass ich die Buchstaben eines Textes auch als Anschauwerke auffasse. Text muss gelesen, also auch angeschaut werden.
Die hier gemeinte Zeichnung besteht aus materiellen Strichen, die in der Regel einen Träger brauchen. Mit dem Bleistift zeichne ich üblicherweise auf einem Stück Papier. Wenn dieser Träger auch ein eigens dafür hergestellter Gegenstand ist, bildet er zusammen mit der Zeichnung ein Bild.
Wenn ich mit meinem Finger im Sand zeichne, trage ich kein Material auf, sondern verwende den Sand als Material, in welches ich quasi einen Umriss ritze. Dabei stelle ich nicht nur keine Zeichnung, sondern auch kein Bild her.
Natürlich kann man sich dafür interessieren, was auf dem Bild zu sehen ist oder man kann das Bild kann als Mitteilung interpretieren, aber hier geht es um das Artefakt, also um den hergestellten materiellen Gegenstand. Ein Bild ist etwas ganz anderes als eine Zeichnung, auch wenn umgangssprachlich das Wort Zeichnung hauptsächlich für Bilder verwendet wird, die typischerweise mit einem Bleistift hergestellt wurden.
Wenn ich zeichne, stelle ich eine Zeichnung her. Die Zeichnung hat im Unterschied zu einem Bild keinen Rand.
Wenn ich einen Hund in einer Ecke eines Papiers zeichne, bleibt offen, welche Fläche zur Zeichnung gehört. Das Wort Umriss beziehe ich auf den Zeichnungsgegenstand, nicht auf die Zeichnung. Natürlich kann eine Zeichnung auf einem Papier nicht grösser als das Papier sein, aber ich kann auf einem Papier mehrere Zeichnungen machen.
Umgangssprachlich wird ein Bild, das mit einem Pinsel hergestellt wird, als Gemälde bezeichnet, während Bilder, die mit einem Bleistift gemacht werden, als Zeichnungen gelten. Als Kriterium gilt dabei das verwendete Werkzeug, unabhängig davon,
wie es verwendet wird.
Zeichnen und malen sind aber unabhängig von den Werkzeugen zwei sehr verschiedene Tätigkeiten. Zeichnungen bestehen aus Strichen, Gemände aus dreidimensionalen Farbflecken, die ich gegebenen falls auch als Pixel bezeichne. Die Striche einer Zeichnung bestehen natürlich auch aus Farbflecken, Striche sind aber monochrom und auf Linien angeordnete Farbflecken. Striche bedecken nur Teile des Bildträgers, während Gemälde den ganzen Bildträger bedecken.
Kalligrafen machen aber mit Pinseln Striche und sehr viele Bilder, die mit einem Bleistift hergestellt werden, vor allem wenn sie keinen praktischen Zweck wie etwa Konstruktionszeichnungen haben, bedecken den gesamten Bildträger durch Schraffuren aller Art bis hin zu Schummerungen,also dem Ausmalen mit "liegender" Bleistiftmine.
Ich Euch bewusst gebeten habe, einen Bleistift mitzubringen. Bitte schaut Eure Zeichnungen an. Viele Menschen machen auch mit Bleistiften Gemälde im hier gemeinten Sinn.
Diese Unterscheidung zwischen Zeichnungen und Gemälden ist viel älter als die Technobilder, durch die sie aufgehoben wird.
Die Fotografie ist weder eine Zeichnung noch ein Gemälde, sie hat einen eigenen Namen bekommen, der auch auf das Herstellungswerkzeug verweist. Die Grafik hat in ausgemalten Zeichnungen, wie sie für Comics (Graphic Novels) typisch sind, eine Keimform. Ihren namentlichen Ursprung hat sie im Druckverfahren, mit welchem Plakate und Buchillustrationen produziert wurden, was auch auf eine Herstellungstechnik verweist. Grafiken werden eigentlich gedruckt.
Bei eigentlichen Bildern unterscheide ich, ob alle Bildpunkte auf dem Bildträger durch farbiges Material belegt sind oder nicht. Ersteres ist bei Fotografien exemplarisch der Fall, beim Negativfilm beispielsweise, weil eine homogene Schicht auf dem Film ist, die überall belichtet wird.
Bei älteren Fotos ist oft ein weisser Rand zu sehen, den ich der Rahmung des Bildes zurechne. Der mit Farbe gestaltete Bereich hat keine Lücken. Das ist auch bei konventionellen Gemälden der Fall.
Als Gemälde bezeichne ich Artefakte, bei welchen Farbmuster auf einem Trägermaterial so verteilt werden, dass ein Bild entsteht. Ein Gemälde mag nie ganz fertig sein, aber es ist sicher nicht fertig, wenn noch unbemalte Leinwand zu sehen ist.
Als Gemälde bezeichne ich Artefakte, bei welchen Farbmuster auf einem Trägermaterial so verteilt werden, dass ein Bild entsteht. Ein Gemälde mag nie ganz fertig sein, aber es ist sicher nicht fertig, wenn noch unbemalte Leinwand zu sehen ist. Eine eigentliche Zeichnung dagegen besteht aus Strichen, die nur einen kleinen Teil der Fläche des Bildträgers bedecken.
Zeichnungen bestehen aus Strichen. Die Form des einzelnen Striches ist durch die Form des gezeichneten Gegenstand bestimmt. Ich zeichne die Form des Gegenstandes, indem ich die Striche forme.
Jeder Strich hat eine bestimmte Form und in der Zeichnung einen bestimmten Ort. Die Striche bilden eine nicht homogene Menge von geformten Elementen, aus welchen die Zeichnung besteht. Die Zeichnung zeigt die Form des Gegenstandes dadurch, dass die Striche entsprechend angeordnet werden. Die Striche re-präsentieren im Sinne einer Wiederholung den Umriss des Gegenstandes.
Ein Gemälde isoliert keine Dinge. Ich muss beim Betrachten Dinge erkennen und unterscheiden, was ich anhand nur des Gemäldes nicht tun könnte.
Das Gemälde erscheint wie mein Gesichtsfeld insgesamt als Anhäufung verschiedener Farben, die keine ausgezeichneten Gegenstände repräsentieren. Als Gemäldebetrachter kann ich einen Baum oder eine Fahnenstange erkennen, aber das gibt das Gemälde nicht her. Das Bild sagt nicht welche Bildpunkte ich zusammen von anderen abgrenzen muss. Wenn ich MonaLisa anschaue, muss ich erkennen, wo die Person ihre äussere Grenze hat. Wenn ich MickyMaus anschaue, ist diese Grenze durch Striche markiert.
Beim Malen muss ich auch keine Dinge unterscheiden. Ich fülle ein gedankliches Raste mit Farbflecken. "Gedanklich" bezieht sich dabei - wie die Form deer Form - auf eine Technik, nicht auf ein Bewusstsein.
Beim Herstellen eines Bildes kann ich die Rasterfelder – wie die Biene die Zellen ihrer Waben – mit Farbmaterial füllen.
Bei einem Mosaik werden die Farbkörper, also die einzelnen Mosaik-Steinchen auf einem Träger aufgeklebt und durch schmale Fugen getrennt. Die Fugen bilden nachdem sie gefüllt sind, einen Raster, die Mosaiksteinchen bilden das Füllmaterial.
Das Mosaik repräsentiert ein Bild, das wie die Bilder im Pointillismus aus einzelnen Bausteinen hergestellt wird, die als Bildpunkte fungieren. Bei Mosaik ist das Raster gut sichtbar, weil es materiell vorhanden ist, auf den Gemälden des Pointillismus ist es erkennbar und bei vielen gedruckten Bilder, kann ich es mit einem Vergrösserungsglas sehen.
Wenn ich ein Bild von Hand herstelle, kann ich einen Raster verwenden, um Bildpunkte genau zu lokalisieren. In einem gewissen Sinn übertrage ich damit einen Aspekte der Technik der Digitalkamera, indem ich die Rasterpunkte, auch deren Grösse und Abstände vorab festlege. Diese Verfahren verwende ich vor allem, wenn ich etwas fotorealistisch abbilden will.
L. Alberti hat 1435 in seinem Traktat über Malerei das Fadengitter als notwendige Voraussetzung für korrekte Abbildungen beschrieben und A. Dürer, der sich sehr für die Werkzeuge interessierte, mit welchen Bildern gemacht werden, hat es bekannt gemacht.
Ich mache hier einen kleinen Exkurs zur Geschichte des Zeichnen:
Quasietymologisch sind die Ausdrücke Zeichen und zeichnen in vielen Sprachen verwandt. Sehr viele Zeichen werden gezeichnet. Jenseits der arbiträr zufälligen oder zufällig verwandten Wörter, gehe ich davon aus, dass die ersten hergestellten Zeichen Markierungen in Form von Ritzen an Felsen oder Baumstämmen waren.
Als Genesis bezeichne ich eine logisch-genetische Rekonstruktion, in welcher ich die Entstehung des Gegenstandes nach entwicklungslogischen Gesichtspunkten darstelle. Dabei geht es darum, die Geschichte so zu erzählen, dass die Sache in einer bestimmten Weise begriffen wird, nicht darum, dass sich die Sache historisch so entwickelt habe.
Ich gehe hier davon aus, dass Zeichnen und Schreiben älter sind als das Sprechen, dass sich also in der Entwicklung des Verhaltens eines Kindes keine Rekapitulation der Stammesgeschichte zeigt. Dass Kinder zunächst kritzeln, nehme ich nicht als Beleg für eine haeckelsche Sozialrekapitulation. Ich gehe viel mehr davon aus, dass Kinder mit Blei- oder Farbstiften kritzeln, weil sie diese Stifte bekommen, bevor sie zeichnen wollen und können. Ich kann im kindlichen Gekritzel auch keine Zeichen erkennen, ich weiss aber natürlich nicht, ob das an meiner beschränkten Wahrnehmung liegt.
Wie die ersten Menschen gezeichnet haben, weiss ich nicht. Wie Kinder in der heutigen Zeit zeichnen, kann ich beobachten, und wo ich es selbst nicht hinreichend beobachten kann, kann ich lesen, was Kinderpsychologen darüber schreiben. Über die ersten Menschen kann niemand berichten. Zeichnungen, die Kinder verschiedenen Alters herstellen, zeigen nicht die Entwicklung des Zeichnens, sondern allenfalls, wie sich Kinder entwickeln.
Die Literatur über Kinderzeichnungen befasst sich deshalb praktisch ausschliesslich mit der piagetpsychologischen Entwicklung der Kinder, die hier nicht interessiert. Hier geht es nicht darum, welche psychologisierten Fähigkeiten Kinder in welchem Alter noch nicht entwickelt haben, sondern darum, wie sich die Entwicklung des Zeichnens als Tätigkeit begreifen lässt. Ich beobachte dabei nicht irgendwelche hinzugedachten Fähigkeiten des Zeichners, sondern die Tätigkeiten, deren Produkte ich als Zeichnungen oder als deren primitiven Keimformen auffasse.
Die Entwicklung des Zeichnens erkenne ich in einer Zunahme des strukturellen Niveaus, das ich in Zeichnungen erkennen kann. In einem Gekritzel erkenne ich weniger Ordnung als in einem halbwegs adäquaten figürlichen Abbild eines Gegenstandes. Die Zeichnungen, die Kinder mit zunehmendem Alter machen, zeigen diese Entwicklung. Dabei interessieren mich die Motive im doppelten Sinne, da die jeweils notwendigen Fähigkeiten ja zwangsläufig gegeben sind. Das Wissen, welche Fähigkeiten Kinder in welchem Alter haben, mag psychologisch interessant sein, über das Zeichnen sagt es nichts, was ich nicht auch jenseits von Kinderzeichnungen erkennen kann.
Ein Kleinkind kann beispielsweise mit dem grünen Brei, den es essen sollte, im oder neben dem Teller spielen und dabei merken, dass sein Verhalten etwas Gegenständliches bewirkt. Es kann dann erkennen, dass es solche äusseren Spuren des eigenen Verhaltens reproduzieren kann und Spass daran finden, ohne dass diese Gebilde einen anderen Sinn hätten, als eben selbst verursachte, permanent sichtbare Objekte zu sein. Das hat mit Zeichnen sehr wenig zu tun, obwohl ich beim Zeichnen auch permanente Objekte herstelle. Und dass Kinder beim Spielen Freude haben, zeigt sich ja nur darin, dass sie es immer wieder und möglichst oft tun. Ich kann mir jedes Verhalten eines Kindes mit einem Trieb oder einem Bedürfnis erklären.
Wenn ich weiss, was ich als Zeichnen bezeichne, kann ich auch Keimformen davon erkennen, die ich nicht als Zeichnen bezeichne. Ich kann quasi rückblickend rekonstruieren, wie sich Voraussetzungen des Zeichnens entwickelt haben. Im Kritzeln mit einem Stift erkenne ich in diesem Sinne eine Keimform des Zeichnens. Es ist eine Tätigkeit, die wichtige Aspekte des Zeichnens vorwegnimmt.
Der für mich entscheidende Moment in der Entwicklung des Zeichnens besteht darin, nicht nur Muster in den angeordneten Strichen wieder zu erkennen und zu reproduzieren, sondern reflexiv zu erkennen, dass diese Muster in dem Sinne etwas repräsentieren, was jenseits der hergestellten Striche auch vorhanden ist.
In einer bestimmten Anordnung von Strichen kann ich ein Haus oder ein Gesicht erkennen. Es geht dabei darum, Analogien im Sinne von Formverwandtschaften zu erkennen, die nicht einer wiederholten Zeichnenbewegung entsprechen, sondern zwei in diesem Sinne verschiedenen Wahrnehmungen, wovon nur eine die hergestellten Striche betrifft.
Die ersten in diesem Sinne eigentlichen Zeichnungen, die Kinder herstellen und von den Kinderpsychologen als Sinnzeichnungen bezeichnet werden, zeigen ziemlich gut, dass sich Kinder beim Zeichnen viel stärker an ihren Vorstellungen als an für mich sichtbaren Gegenständen orientieren. Wenn ich in diesen anfänglichen Kinderzeichnungen trotzdem Darstellungen von Gegenständen erkenne, bezeichne ich die kindlichen Vorstellungen als mentale Repräsentationen der vermeintlich gezeichneten Gegenstände. Typisches Beispiele sind die sogenannten Kopffüssler, in welchen ich Darstellung von Menschen vermute, obwohl ich Menschen nicht (mehr) so zeichnen würde. Kinder zeichnen offenbar das, was ihnen wesentlich scheint, die wichtigen Sachen oft auch unproportional gross.
Um die beiden entscheidenden Punkte der Entwicklung nochmals hervorzuheben: Ein Kind kann eine Analogie zwischen seinen Strichen und einer anderen Sache im Nachhinein erkennen, ohne dass sie in irgendeiner Weise beabsichtigt war. Ich kann meine Spuren im Schnee auch als Fussabdrücke erkennen, ohne dass ich Fussabdrücke machen wollte. Aber wenn ich als Kind einen solchen Zusammenhang einmal erkannt habe, werde ich ihn immer wieder erkennen und nach einer gewissen Zeit auch bewusst hervorbringen wollen.
Der andere wichtige Punkt besteht darin zu erkennen, dass Zeichnungen Anschauwerke sind. Es sind hergestellte Gegenstände, deren Gegenstandsbedeutung unabhängig von den Funktionen, die sie erfüllen (sollen), darin besteht, angeschaut zu werden.
Ich habe bisher vor der elementarsten Form des Zeichnens gesprochen, in welcher ich den Umrisse eines einzelnen Referenzobjektes zeichne. In vielen Fällen genügt ein Umriss um das gemeinte Referenzobjekt zu identifizieren, weil ich ein mir bekanntes Referenzobjekt durch den jeweiligen Umriss hinreichend gut erkennen kann. Wer weiss, was ein Hund ist, wird ihn in meiner Zeichnung ohne weiteres erkennen. Das mag wahrnehmungstheoretisch ungemein komplizierte Voraussetzungen haben, die aber im Erkennen des gezeichneten Objektes alle aufgehoben sind.
Im Prinzip zeichne ich Umrisse der jeweils refenzierten Objekte. Der Wortteil Riss hat quasietymologisch durch ritzen oder reissen die Bedeutung „Zeichnung“. Die Linie, die ich als Umriss bezeichne, gehört nicht zum Körper des Objektes, sie hat den Charakter einer geometrischen Figur. Als Umriss bezeichne ich die geschlossene Linie, die den jeweils von einem Standpunkt her gesehenen Rand eines betrachteten Körpers bildet. Die Linie besteht aus der Menge der Punkten, die zwischen dem Körper und seiner Um-Welt liegen. Wenn ich den Gegenstand zeichne, zeichne ich einen Strich, der dieser Linie folgt.
In vielen Fällen stelle ich aber Zeichnungen mit mehreren Umrissen her. Solche Zeichnungen bestehen aus elementaren Umrisszeichnungen. Ich muss erkennen, dass mehrere - zusammengehörige - Dinge mit je einem eigenen Umriss eine Zeichnung bilden, ich muss die Einheit der Zeichnung erkennen, was wahrnehmungstheoretisch auch kompliziert sein mag, mir aber im Alltag nicht die geringsten Probleme bereitet.
Bei Zeichnungen mit mehreren Umrissen unterscheide ich zwei Fälle.
Ich kann mehrere Dinge neben einander zeichnen, beispielsweise mehrere Häuser und eine Kirche. Dabei zeichne ich die Häuser, auch wenn ein Betrachter der Zeichnung ein Dorf sehen mag, weil er das Dorf als Einheit im Sinne eines Kollektivsingulars kennt. Ein Dorf hat keinen Umriss, es ist kein Ding.
Ich kann andrerseits innerhalb des Umrisses eines Hauses ein Fenster zeichnen. Dann ist das Fenster ein eigenes Ding, das ich auch unabhängig von einem Haus zeichnen kann, beispielsweise in einer Wand meines Wohnzimmers.
Beim Fenster kann ich überdies den Rahmen und das Glas als verschiedene Dinge unterscheiden, auch wenn ich das Glas im Fenster nicht zeichnen kann. Ich kann auf der Zeichnung eines Fensters gar nicht erkennen, ob das Glas vorhanden ist.
Innerhalb der verschachtelten Umrisse gibt es auch den speziellen Fall eines Lochs. Wenn ich beispielsweise eine Sechskantmutter zeichne, zeichne ich den Umriss des Gegenstandes in Form eines Sechseckes. Die Mutter hat aber ein Loch, also sozusagen einen zweiten, inneren Umriss, den ich hier Binnenumriss nenne, weil ich ja weiss, dass ich - in gewisser Hinsicht - einen Gegenstand mit einem Loch zeichne, so dass das Loch als Gegenstand erscheint.
Als Loch bezeichne ich - umgangssprachlich - einen Hohlraum in einer homogenen Masse, wenn der Hohlraum wesentlich kleiner als die Masse ist.
Als Loch kann ich den Kreis einer Zeichnung nur sehen, wenn ich das Ding, in welchem das Loch ist, auf der Zeichnung auch sehe. Ich muss also das Referenzobjekt der Zeichnung erkennen. Ich gebe ein noch etwas komplizierteres Beispiel. Ein gedehnter "Kreis" steht als Umriss sowohl für eine Tischplatte als auch für ein Fenster oder für ein Kettenglied, je nach dem, was ich als Vordergrund auffasse.
Der Umriss ist eine vom Standpunkt des Betrachters abhängige Linie. Der Umriss zeigt aber in vielen Fällen auch nicht hinreichend, zu welchem Ding er gehört. Die Zeichnung zeigt nicht, wie der Umriss zu deuten ist. Umrisse von sehr verschiedenen Dinge sind gleich. Ein Ball und ein rundes Loch zeichne ich in der Form eines Kreises. Bei einem Loch zeichne ich dabei gewissermassen den Umriss des Loches, oder anders gesagt, den Umriss von Nichts.
Sehr verschiedene Umrisse zeigen oft dasselbe Ding. Auf einer Zeichnung kann ich - wenn ich kein Referenzobjekt erkenne und das entsprechende Wissen dazu in die Zeichnung projiziere - nicht erkennen, ob es sich um einen Gegenstand mit zwei Umrissen oder um zwei verschiedene Gegenstände handelt.
Eine Zeichnung ist zwar ein materieller und mithin ein dreidimensionaler Gegenstand. Weil die Striche aber alle auf derselben Ebene liegen, kann die Zeichnung den jeweils gezeichneten Gegenstand nicht wie eine Skulptur zeigen, sondern nur Risse des Gegenstandes. In viele Fällen ist das kein Problem, weil ich den gemeinten Gegenstand in seiner dreidimensionalen Form kenne und ihn mir leicht vorstellen kann. Es gibt aber Zeichnungen, die ich als Problematisierung dieser Beschränkung betrachte.
Solche Zeichnungen machen mir das Problem, das sie lösen wollen, erst eigentlich bewusst. Ich erläutere zwei typische Fälle, nämlich eine perspektivisch geschickt gewählte Darstellung und die Rissdarstellung, die in technischen Zeichnungen verwendet wird.
Auf einer Zeichnung mit mehreren Umrissen ist die Form des Referenzobjektes oft ambivalent, auch weil die Zeichnung nicht zeigt, in welchem Verhältnis die gezeichneten Striche stehen. Im Beispiel der Sechskantmutter kann der Kreis für ein Kugel stehen, die auf einem sechskantigen Blech liegt. Um solche Ungewissheit auszuschliessen, die natürlich nur in den Fällen auftreten, in welchen der sinnhafte Deutung des Referenzobjektes nicht möglich ist, weil die Zeichnung das - perspektivisch - nicht zulässt, brauche ich verschiedene Risse desselben Dinges, wie sie auf Konstruktionplänen üblich sind oder oft hilft eine perspektivisch andere Darstellung, die das Referenzobjekt deutlicher zeigt.
Konstruktionszeichnungen
haben - als hergestellte Gegenstände - einen ganz bestimmten Zweck. Sie werden dementsprechend in bestimmten Situationen gezeichnet. Sie stellen den jeweiligen Gegenstand von verschiedenen Seiten dar, um seine Form zu zeigen. In solchen Fällen wird der Gegenstand als vorab nicht bekannt vorausgesetzt. Seine Form wird dadurch bestimmt, dass er mehrmals gezeichnet wird. Das zeigt zunächst, dass nur eine Zeichnung die Form eines Gegenstandes nicht zeigen kann. Als Betrachter muss ich überdies natürlich erkennen, dass die drei Zeichnungen denselben Gegenstand von verschiedenen Seiten zeigen, obwohl es verschiedene Zeichnungen sind. Wenn sie als Herstellungsgrundlagen dienen müssen, genügt das Rissezeichnen nicht, es braucht zusätzliche Angaben wie Masse und Materialangaben. Hier geht es aber nur darum zu zeigen, was eigentliche Zeichnungen nicht zeigen.
Konstruktionszeichnungen sind vereinbarte Darstellungen. Sie zeigen drei orthogonale Risse, die als Auf-, Grund- und Seitenriss bezeichnet werden, um die Form hinreichend zu bestimmen. Ausserdem werden Kanten, die jeweils in einem Riss nicht sichtbar sind, weil sie quasi auf der Rückseite liegen, also nur durch eine weitere Ansicht dargestellt werden könnten, gestrichelt gezeichnet.
Auch das ist etwas, was die Zeichnung nicht zeigt, sondern der Betrachter vorab wissen muss.
Natürlich liegt auch naturwüchsige Zeichnungen eine implizite Vereinbarung zugrunde. Sie zeigen fast immer einen Aufriss.
Wenn ich aus Ton eine Schale forme, spielt die Perspektive keine Rolle.
Wenn ich eine Zeichnung herstelle, wähle ich einen Gesichtspunkt, der in der Zeichnung als Perspektive erscheint. Ich kann Gegenstände insbesondere so zeichnen, wie ich sie sehen würde, wenn ich an einem entsprechende Ort stünde. Ein Gegenstand, der auf dem Boden liegt, muss ich nicht von oben gesehen zeichnen. Wie vor allem Kinder zeigen, kann eine Zeichnung sogar verschiedene Gesichtspunkte vereinen. Auf Kinderzeichnungen kann ich beispielsweise ohne weiteres die Vorder- und die Rückseite eines Hauses gleichzeitig sehen. Die technische Zeichnung kennt dazu die sogenannte Abwicklung, in welcher der Standpunkt auch aufgehoben ist. Ich zeichne einen Gegenstand - wie ein Kind - so, wie ich ihn mir in meiner Lebenswelt vorstelle.
Ich habe bisher vor der elementaren Form des Zeichnens gesprochen, in welcher ich Umrisse von Referenzobjekten zeichne.
Das entwickelte Zeichnen stellt aber nicht nur die Referenzobjekte, sondern auch deren perspektivische Anordnung dar.
Ich werde später auf das perspektivische Zeichnen eingehen, in welchem die Fluchtpunkt-Perspektive nur ein letzter Aspekt der Entwicklung darstellt. Hier geht es vorerst um das Anordnen von Referenzobjekten, so dass sich deren Umrisse teilweise verdecken können, und damit verbunden nicht vollständig gezeichnet werden. Die entsprechend angeordneten Teilumrisse provozieren eine räumliche Vorstellung, weil die Teilumrisse als solche wahrgenommen werden, wobei der Betrachter der Zeichnung die fehlenden Teile der Umrisse mental ergänzt. Die nicht vollständig gezeichneten Referenzobjekte scheinen so hinter einem anderen zu stehen, obwohl die gezeichneten Striche natürlich in einer Ebene liegen.
Natürlich kann ich auf einer Zeichnung nicht die Referenzobjekte, sondern nur Striche anordnen. Ich kann aber optische Effekte erreichen, die ich als perspektivisch bezeichne, weil ich damit beispielsweise eine Tiefenwirkung erziele. Hier interessiert aber zunächst nicht dieser optische Effekt, sondern dass ich die Umrisse nicht vollständig zeichnen muss. Ich muss vom Umriss nur hinreichend viel zeichnen, so dass er quasi naturwüchsig ergänzt wird, weil das gemeinte Referenzobjekt vom Betrachter identifiziert wird. Die Gestaltpsychologen haben im Wesentlichen dieses naturwüchsige Ergänzen beschrieben und dabei quasi archetypische Gestalten entwickelt, die sich in den meisten Fällen mit geometrischen Figuren decken, die hier aber auch keine Rolle spielen.
Eine spezielle Art des verdeckten Umrisses nehme ich im Normalfall gar nicht so war. Ich weiss natürlich, dass ein Baum eine Wurzel hat, die ich im Normalfall nicht sehe.
Ich kann vom Umriss eines Baumes aber auch den Teil zeichnen, der über dem Boden ist. Und ich kann ihn unten an seinem Fuss quasi mit einer horizontalen Strich begrenzen. Dieser Begrenzung gehört nicht zu Baum, sondern ist ein Stück des Umrisses des Planeten, auf dem der Baum steht. In solchen Fällen ergänze ich die fehlenden Teile der Umrisses nicht. Ich mache mir nicht einmal bewusst, dass ich die Umrisse nicht vollständig sehe. Ich stelle mir ja die Wurzel eines Baumes auch nur in sehr speziellen Falles vor, wenn ich sie nicht gerade sehe, weil der Baum umgekippt, also quasi entwurzelt ist und seine Wurzel deshalb zeigt.
Der Umriss wird sehr oft schematisiert. Bei einem Baum kann ich oft einzelne Äste oder Blätter erkennen, die den Umriss des Baumes mitbestimmen würden. Der Umriss, den ich in vielen Fällen zeichne, entspricht dem Umriss einer gedachten Folie, in die der Baum quasi eingepackt ist. Ich verwende beim Zeichnen eine je bestimmte Auflösung, in welcher Unebenheiten im Umriss verschwinden. Hier betrachte ich aber ein anderes Phänomen.
Dass ich von einen Baum nur den sichtbaren Bereich zeichnen muss, hat eine Inversion, die ich als Kontur bezeichne. Ein Berg beispielsweise hat keinen Umriss. Ich kann ihn aber wie einen Baum durch einen quasi unvollständige Umriss darstellen. Im Unterschied zum Baum ist der Berg kein Ding, er hat keinen wie auch immer versteckten oder verdeckten Umriss. Er hat als Referenzobjekkt einen Rand gegen den Himmel oder gegen andere Hintergründe, den ich zeichnen kann, wie wenn er Teil eines Umrisses wäre.
Ein Berg kann - wie etwa das Matterhorn - eine ganz bestimmte, leicht erkennbare Form haben, aber er hat unten, am Fuss des Berges,
keine Grenze, die ich mit einem Strich festhalten könnte. Der Berg ist - im naturwüchsigen Aufriss - oben gegen den Himmel klar abgegrenzt, aber unten ist er grenzenlos. Ich kann deshalb seinen Umriss nicht zeichnen - obwohl ich den Berg als Ding auffasse, wenn ich ihn zeichne - und natürlich auch, wenn ich ihm einen Namen gebe.
Als Konturen bezeichne ich, was ich wie Umrisse zeichne, unabhängig davon, ob es sich um Teile eines teilweise verdeckten Umrisses handelt. Wenn ich Konturen zeichne, schaffe ich mental Dinge, die einen Umriss haben. Konturen nehme ich wahr, wenn ich mental zeichne oder Striche einer Zeichnung einem fiktiven Umriss zuordne.
Konturen werden oft verwendet, um Zeichnungen anschaulicher zu machen, indem sie auf eine Inhomogenität in den Flächen,
die durch Striche abgegrenzt sind, verweisen, wie sie eben typischerweise durch Formaspekte der gezeichneten Gegenstände gegeben sind. In diesem Sinn sind Konturen ein Mittel der Darstellung, das wie die Schraffur die Differenz zwischen zeichnen und malen betrifft, die ich später behandeln werde. Das Verwenden von Konturen zeigt vor allem, dass die damit gezeichneten Sachen keine eigentliche Dinge sind. Es zeigt auch, dass Zeichnungen bestimmte Funktionen erfüllen sollen, die ich hier verkürzt als künstlerische Darstellung bezeichne. Der Anschauer des Werkes soll nicht den Gegenstand, sondern das Werk als gute Abbildung davon erkennen.
Hier geht es mir aber darum, wie in der Kontur der Umriss aufgehoben ist. Ein Berg beispielsweise kann im Aufriss sichtbare Kanten zeigen, die nicht zum Umriss gehören, aber von einem anderen Standpunkt aus gesehen Teile des vermeintlichen Umrisses wären.
Die Nase im menschlichen Gesicht hat im Aufriss von vorne keine Kante, es gibt im Gesicht diese Grenze zwischen Wange und Nase nicht. Die Nase lässt sich von vorne gesehen eigentlich nicht zeichnen.
Sie wird aber sehr oft in Form von erfundenen Konturen gezeichnet, weil sie im Seitenriss als Teil eines Umrisses erscheint. Die Nase ist ein Teil des Kopfes und wird in dessen von der Seite gesehenen Umriss sichtbar.
Der Kopf wird oft in einer Analogie zum Passbild gezeichnet wird, bei welchem der Kopf durch den Bildrand begrenzt wird, so dass ich den Rest des Körpers nicht sehen kann. Der Kopf hat aber - wie ein Berg - keinen Umriss, der menschliche Körper dagegen schon. Natürlich kann ich einen Teil des Menschen hinter einem Kleidungsstück verstecken, so dass der Kopf auch unten durch Striche abgegrenzt wird. Beim Zeichnen eines Kopfes verhalte ich mich analog zum Zeichnen eines Baumes, wenn ich dessen Wurzel nicht mitzeichne.
Fast alle Zeichnungen von Köpfen zeigen einen Teil des Halses, weil der Kopf - im Unterschied zum Schädel - keine Grenze hat. Der Hals wird in diesen Fällen einerseits Teil des Kopfes und hat unten keine Begrenzung. In solchen Fällen ergänze ich als Betrachter die fehlenden Teile der Umrisses nicht. Ich erkenne vielmehr, dass nicht das jeweils ganze Ding gezeichnet wurde.
Anders als die Nase und die Ohren haben Augen und Mund eine sichtbare Grenze zum Gesicht, weil sie nicht von der nathlosen Gesichtshaut bedeckt sind. Der Mund erscheint mir wie das Fenster in der Hauswand als eigenes Ding, das ich zeichnen kann. Dabei sehe ich den Mund wie die Sechskantmutter als Ding, das aus Lippen besteht, die oft ein Loch begrenzen, das ich als Binnenumriss auffasse.
Unter funktionalen Gesichtspunkten unterscheide ich analog zu den Umrissen Konturen und Binnenkonturen. In beiden Fällen bezeichne ich eine durch eine gezeichnete Kurve "gedachte" Linie, die einen Teil eines Umrisses repräsentiert. Ich unterscheide verschieden Arten der Binnenkontur. In beiden Fällen zeichne ich eine Kontur innerhalb einer Kontur oder innerhalb eines Umrisses. Mit Binnenkonturen erzeuge ich Formaspekte, die durch die Kontur oder Umriss nicht erkennbar sind.

In einem Fall mache ich mit einer Binnenkontur Dinge sichtbar, die innerhalb des gezeichneten Dinges liegen. Das ist etwa der Fall, wenn ich in einem Gesicht eine Nase zeichne, oder wie im bereits erläuterten Beispiel eine Bohrung in einem Werkstück.
In einem andern Fall geht es darum, bestimmte Aspekte der Form des Gegenstandes sichtbarer zu machen. Das gilt insbesondere für kontinuierliche Wölbung, die keine Anfang haben, wenn sie von vorne betrachtet werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Nase, die oft mit Strichen gezeichnet wird,
Ich will hier das Verhältnis zwischen Umriss und Kontur nochmals problematisieren. Jede Kontur begrenzt eine geometrische Fläche, die durch sie erst hervorgebracht wird. In vielen Fällen ist das, was ich als Umriss bezeichne, eigentlich auch eine Kontur, indem der Umriss eine schematische Vereinfachungen ist. Ein Baum besteht natürlich aus Ästen und Blättern, die ich nicht zeichne, wenn ich dessen Umriss in grober Auflösung zeichne. Beim wirklichen Baum kann ich vielleicht durch die Äste hindurch sehen, was ich wie Löcher konturieren könnte, obwohl es sich nicht um Löcher handelt. Ich erwähne das hier, um meine enormen Vereinfachungen nochmals hervorzuheben.
Ich betrachte dazu noch ein exemplarisches Beispiel: Die Haare auf dem menschlichen Kopf, die ich durch Konturen als Frisur zeichne. Als Frisur bezeichne ich insbesondere, was ich durch Konturen zeichne. Ich zeichne dabei nicht die Haare, sondern wie die Haare. In gewisser Hinsicht ist das Kopfhaar wie auch Augenbrauen eine Art Wald, der aus einzelnen Haaren besteht und deshalb keinen Umriss hat, obwohl ich die bedeckte Fläche leicht erkennen und zeichnen kann.
Das einzelne Haar ist ein Körper, der wie der Baum eine normalerweise nicht sichtbare Wurzel hat. Wenn ich ein Haar zeichne, steht der gezeichnete Strich für ein - allenfalls gewelltes - Rechteck, dessen Seiten so nahe zusammen sind, dass sie in einem Strich zusammenfallen. Konturen, die die Frisur betreffen, repräsentieren normalerweise nicht einzelne Haare, sondern Wölbungen innerhalb der Frisur, die ich als Wellen oder Locken bezeichne.
Solche Konturen scheinen einerseits oft einzelne Haare darzustellen und und sehen andrerseits oft wie Schraffuren aus. Es gibt Comicsfiguren, die nur drei oder vier Haar haben, aber bei einer normalen Behaarung gibt es natürlich keinen Grund, einzelne Haare zu zeichnen. Schraffuren behandle ich als Übergang zur Malerei.