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Als Geschichtswissenschaft bezeichne ich eine - mir bislang unbekannte - Wissenschaft, die die Geschichtsschreibung untersucht - statt als Lehre vorzugeben, wie man Geschichte schreiben sollte.
Die Geschichtswissenschaft müsste auch erläutern, was sie als Geschichte bezeichnet, respektive eine Definition zum Begriff geben.
Im Wikipedia-Commonsense steht etwas komplett anderes:
"Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte oder Geschichte auf der Basis einer kritisch analysierten und interpretierten Überlieferung (Quellen) unter einer spezifischen Fragestellung. .. Ansätze zur Gliederung der Geschichte in spezifische Zeitabschnitte oder Epochen sind Gegenstand der Periodisierung."
Dort steht auch:
"Heute gilt die Geschichtswissenschaft, insbesondere mit entsprechenden Fragestellungen (Historische Anthropologie), daher auch als ein Sonderbereich der Anthropologie.
Anthropologie (Menschenkunde, Lehre vom Menschen) ist die Wissenschaft vom Menschen. Sie wird im deutschen Sprachraum und in vielen europäischen Ländern vor allem als Naturwissenschaft verstanden. Die naturwissenschaftliche oder Physische Anthropologie betrachtet den Menschen im Anschluss an die Evolutionstheorie von Charles Darwin als biologisches Wesen."
Und:
"Die Geschichtswissenschaft unterscheidet sich von anderen Wissenschaften allerdings insofern, als ihr Gegenstand, die Vergangenheit, nicht mehr existiert."
Das ist ziemlich chaotisch, um nicht zu sagen schwachsinnig. Der Gegenstand ist sicher nicht die Vergangenheit.
Geschichte der Geschichtswissenschaft
Die Geschichtswissenschaft hat ihre eigene Geschichte. In der Geschichte der Geschichtsschreibung geht es um frühere Historiker, um deren Werke, teilweise um die Umstände, unter denen früher Geschichtsschreibung betrieben wurde, und auch darum, wie sich die Interessen und Fragestellungen gewandelt haben. Herodot gilt als der Vater der Geschichtsschreibung. Die seine folgte allerdings noch nicht den Regeln moderner Forschung, sondern verstand sich primär als literarisch-philosophisches Kunstwerk. Schon in der Antike hat die Geschichtsschreibung zwar mit Autoren wie Thukydides und Polybios manche Maßstäbe gesetzt, auf die Giambattista Vico in der Frühen Neuzeit zurückgegriffen hat. Aber erst im 19. Jahrhundert (Historismus) begannen Geschichtsforscher in Europa, sich verstärkt unter Beachtung wissenschaftlicher Kriterien (Heuristik, Quellenkritik, Textkritik, Objektivität) mit der menschlichen Vergangenheit zu befassen. Im Zuge dieser Professionalisierung kam es zu einer Spezialisierung, zunächst nach chronologischen (Alte, Mittlere und Neue Geschichte), dann auch nach geographischen und inhaltlichen Gesichtspunkten.
Die Geschichtswissenschaft ist eine Kultur- bzw. Geisteswissenschaft, die sich mit der Geschichte von Menschen und menschlichen Gemeinschaften beschäftigt, während die Naturgeschichte zu den einzelnen Naturwissenschaften gehört. Heute gilt die Geschichtswissenschaft, insbesondere mit entsprechenden Fragestellungen (Historische Anthropologie), daher auch als ein Sonderbereich der Anthropologie.
Literatur
„Das Besondere an der Sinngeschichte ist vielmehr, das sie wahlfreien Zugriff auf den Sinn von vergangenen bzw. künftigen Ereignissen ermöglicht, also ein Überspringen der Sequenz. Geschichte entsteht durch Entbindung von Sequenzen. Ein Sinnsystem hat in dem Maße Geschichte, als es sich durch freigestellte Zugriffe limitiert - sei es durch bestimmte vergangene Ereignisse (die Zerstörung des Tempels, die Krönung des Kaisers durch den Papst, die Niederlage von Sedan; oder im kleineren: die Hochzeit, der Abbruch des Studiums, die erste Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe, das ‚coming out' des Homosexuellen), oder sei es durch Finalisierung der Zukunft. Geschichte ist demnach immer: gegenwärtige Vergangenheit bzw. gegenwärtige Zukunft; immer: Abstandnahme von der reinen Sequenz; und immer: Reduktion der dadurch gewonnenen Freiheit des sprunghaften Zugriffs auf alles Vergangene und alles Künftige.” (Luhmann, SoSy, 118)
"Zum Begriff einer sinnhaften Geschichte gehört eine (je gegenwärtig konstituierte, in die Vergangenheit projizierte) Differenz von Möglichem und Wirklichem. Das "Geschichtsbild" einer Gesellschaft variiert deshalb nicht nur infolge der je gegenwärtigen Selektion und Aufmachung von Fakten, die man aus erkenntnismäßigen oder anderen Gründen für berichtenswert hält; sondern es variiert in den Konstitutionsbedingungen der Selektivität, vor allem in der Unaufhebbarkeit der Möglichkeit anderer Möglichkeiten, die heute möglich sind. Um nur ein Beispiel zu geben: Es ist nahezu unvermeidbar, daß wir Gesellschaften ohne politisch organisierte Möglichkeit einer bindenden Entscheidung von Rechtskonflikten unter dem Gesichtspunkt des "Fehlens'' dieser Möglichkeiten betrachten und Übergangslagen so analysieren, als ob es beide Möglichkeiten "gäbe" und erst die eine, dann allmählich die andere verwirklicht würde." (Luhmann, N. (1972) Weltzeit und Systemgeschichte, S.131, in: Luhmann, N. (2005) Soziologische Aufklärung, Band2, S. 128-166)
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[ 16. 2.26 ]