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Rolf Todesco

Die in der Beschreibung aufgehobene Beobachtung

Beobachtung 2. Ordnung als Theorie

Als Beobachten bezeichne ich eine - mentale - Tätigkeit, bei welcher ich meine Aufmerksamkeit eine Zeitlang auf das Verhalten einer bestimmten Sache richte, die ich als Sache isoliert habe. Ich beobachte (nur), was sich potenziell und nicht vorhersehbar verändert und mich in irgendeiner Weise betrifft. Beobachten bedeutet mithin die Wahl eines Gegenstandes, einer Verhaltensdimension und einer Dauer. Was sich nicht verändert - etwa ein Stein oder ein Text - kann ich nicht beobachten, nur anschauen.

Ich beobachte beispielsweise meine Katze, die einen Vogel zu beobachten scheint. Dabei beobachte ich natürlich nicht meine Katze, sondern deren Verhalten, und nicht deren Verhalten insgesamt, sondern spezifische Aspekte. Ich wähle die Katze. Ich beobachte, wie lange sie sitzen bleibt. Die Katze macht in dieser Zeit auch andere Sachen, die ich nicht beachte. Ich könnte beispielsweise auch beobachten, wovon sie sich allenfalls ablenken lässt. Das wäre aber eine andere, kompliziertere Beobachtung - ich würde dabei etwas anderes beobachten.

Beobachten betrachte ich als eine Ableitung von "obachten", das als Verb nicht mehr verwendet wird. Obacht ist eine Ableitung von achten. Beachten verwende ich für das Berücksichtigen der Verhältnisse. Achten verwende ich für das Anerkennen der Relevanz von bestimmten Verhältnisse. Mit dem Wort Obacht weise ich jemanden darauf hin, dass das Beachten im je gegebenen Fall sehr wichtig schehint. Beobachten bezieht sich auf eine bestimmte Sache, die mir wichtig genug ist, mich also interessiert.

Ich erkenne mein eigenes Beobachten als etwas, was ich tue. Ob oder dass ich etwas beobachte, kann nur ich erkennen. Dass andere Menschen oder eben meine Katze etwas beobachten, kann ich nur vermuten, ich kann es nicht sehen. Ich kann sagen oder beschreiben, was ich beobachte. Das können andere Menschen beobachten. Sie beobachten dann jedoch nicht mein Beobachten, sondern mein Berichten, darüber, was ich ich beobachte. Wenn ein anderer Mensch aufgeschrieben hat, was er beobachtet hat, kann ich im Nachhinein erfahren, wie er was beobachtet hat.

Der Ausdruck beobachten wirft der in der alltäglichen Verwendung kaum je Verständnisprobleme auf. Ich erläutere hier, wie ich den Ausdruck verwende, weil er - in bestimmten Kontexten - oft ganz anders verwendet wird, was ich hier problematisieren will. Ich setze voraus, dass jeder Mensch jeden Ausdruck verwenden kann, wie er will. Ich will niemandem eine flasche Verwendung des Ausdruckes beobachten vorwerfen. Und ich auch nicht, dass man sagen muss, wie die Wörter verwendet. Im Normalfall erläutere ich meine Wortverwendung nur, wenn ich ein Missverständnis erkenne. Hier mache ich mir mein Sprechen oder mein Schreiben bewusst, indem ich sage, wie ich bestimmte Wörter, hier eben beobachten verwende.

Im konstruktivistischen Diskurs wurde der Ausdruck beobachten in einer idiosynkratisch verkehrten Verwendung[1], die N. Luhmann von H. Maturana und H. von Foerster übernommen und nochmals neu definiert hat, zu einem Terminus technicus, der mit der konventionellen Bedeutung des Wortes nichts mehr zu tun hat. Bei allen Differenzen verwenden diese "Konstruktivisten"[2] den Ausdruck "beobachten" nicht im hergebrachten Sinn für eine Art des Schauens, sondern für ein Berichten davon, was sie weshalb wie - mit oder durch welche Unterscheidungen - beobachten. N. Luhmann hat schliesslich beobachten für etwas verwendet, das mit dem Schauen gar nichts mehr zu tun hat.[3]

H. Maturana, der den Ausdruck in seiner für ihn grundlegenden Aussage "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt" eingeführt hat, hat nie erläutert, weshalb er den in der herkömmlichen Sprache ganz anders verwendeten Ausdruck Beobachter gewählt hat. H. Maturana hat aber ausführlich erläutert, was er mit dem Ausdruck eigentlich bezeichnen wollte: nämlich, dass Wissenschaftler, wenn sie von Beobachtungen berichten, stets von den je eigenen Beobachtungen berichten und daher niemals eine beobachterunabhängige Wirklichkeit beschreiben. Damit hat er - zusammen mit E. von Glasersfeld - einen Konstruktivismus begründet, dem zufolge auch wissenschaftliche Beschreibungen immer von der jeweiligen Art der Beobachtung abhängig sind. Sie haben damit eine alte philosophische Diskussion über Wirklichkeit und Wissenschaft aufgegriffen.[4]

H. Maturana erzählte in einem für seine Lehre fundamentalen Beispiel, wie er den Kapitän eines U-Boot "beobachtet". H. Maturana sagt, dass der Kapitän das Verhalten der Instrumente in seinem U-Boot beobachte. Der Kapitän weiss natürlich, was er beobachtet, aber das kann von einer anderen Person nicht beobachten werden. Was H. Maturana sagen könnte, ist, dass der Kapitän nur das Verhalten der Instrumente beobachten kann, weil er die Umgebung des U-Bootes gar nicht sehen, also auch nich beobachten kann.

H. Maturana kann - wenn er sich ausserhalb des Bootes befindet - beobachten, dass das U-Boot den Klippen ausweicht, obwohl der Steuermann (Kybernetes) im U-Bootes die Klippen - wie H. Maturana weiss - nicht sehen kann. H. Maturana erläutert anhand dieses Beispiels seine doppelte Buchhaltung, in welcher er unterscheidet, was innerhalb und ausserhalb eines Systems beobachtet werden kann. Was Maturana dabei übersieht: Der Kapitän würde die Klippen in der Umgebung des U‑Boots auch dann nicht beobachten, wenn er sie sehen könnte. Die Klippen zeigen kein unvorhersehbares Verhalten. Der Kapitän würde allenfalls den Abstand zwischen seinem U‑Boot und den Klippen beobachten; doch auch hier wäre der Ausdruck kontrollieren treffender, weil sich der Abstand nicht unvorhersehbar verändert.

H. von Foerster hat in seiner Kybernetik 2. Ordnung das Beobachten des Beobachters ins Spiel gebracht. Er hat mit H. Maturana zusammengearbeitet; ich weiss nicht, wer von beiden zuerst darüber geschrieben hat. Auch H. von Foerster hat ein für seine Lehre fundamentales Beispiel erzählt. Er hat darüber berichtet, was J. Konorski beobachtet hat, als er das Experiment von I. Pawlow wiederholte. I. Pawlow hat beobachtet und darüber berichtet, dass entsprechend abgerichtete Hunde beim Klang einer Glocke speicheln, als ob sie Futter erhielten. J. Konorski hingegen beobachtete, dass die Hunde im Experiment von I. Pawlow gar nicht auf den Glockenton reagierten, sondern auf das Verhalten des Experimentators, der die Glocke bewegte. Ich weiss, dass er das beobachtet hat, weil er davon berichtet hat - nicht weil ich ihn beobachtet hätte.

H. von Foerster zeigt anhand seiner Erzählung in seiner charakteristisch laxen Redeweise, dass Beobachter beobachtet werden sollten, weil sie nicht sehen, was sie nicht sehen. I. Pawlow hat nicht gesehen, dass der Hund auf ihn reagierte. J. Konorski konnte dies erkennen, weil er etwas anderes beobachtete als I. Pawlow. Er beobachtete sowohl den Hund als auch den Experimentator. Mir ist unklar geblieben, weshalb H. von Foerster dabei von einer "zweiten. Ordnung" und von "Beobachtern" gesprochen hat. Er hat seine intellektuellen Beziehungen zum Wiener Kreis mehrfach erwähnt; ich weiss nicht, ob er die Idee eines Beobachter von dort übernommen hat.[3]

Ganz widersinnig wird der Ausdruck beobachten in der Systemlehre von N. Luhmann verwendet. N. Luhmann hat die "konstruktivistische" Redeweise vom Beobachter zunächst in seine Systemlehre übernommen, dann den Beobachter zugunsten von Beobachtungen wieder verworfen, weil er in seiner Gesellschaftslehre keine Menschen haben wollte. N. Luhmann verwendete beobachten schliesslich extrem eigenwillig oder idiosynkratisch - in einer mutwilligen Anlehnung an G. Spencer-Brown, der den Ausdruck ebenso wenig verwendet hat, wie E. von Glasersfeld in seinem Konstruktivismus - für eine Operation, die eine Bezeichnung einführt. Das hat auch mit dem konstruktivistischen Gebrauch des Wortes gar nichts mehr zu tun hat. Allerdings verwendet N. Luhmann den Ausdruck Beobachtung in seinen Texten sehr oft auch sehr konventionell, insbesondere wenn er von Beobachtungen 2. Ordnung spricht. Darauf werde ich zurückkommen.[5]

Die von den hier gemeinten Konstruktivisten als Beobachter bezeichneten Wissenschaftler berichten - wie andere Menschen - oft von eigenen Beobachtungen. Dabei schreiben sie jedoch zwangsläufig nicht nur von dem, was sie beobachten, sondern auch über die Welt, in welcher sie ihre "Beobachtungen" vornehmen. Sie berichten nicht nur, was sie in einem konventionellen Sinn beobachten, sie beschreiben zugleich die Experimente, die Versuchsanordnungen und die Bedingungen, unter denen sie beobachten. In der eigentümlich vereinbarten Sprache dieser Konstruktivisten ist jedoch alles, was beschrieben wird, beobachtet - und umgekehrt. Beschreibung und Beobachtung fallen dort begrifflich zusammen.

H. Maturana sagte, dass eine Katze nicht beobachten könne, weil sie nicht beschreiben könne, was sie beobachte. Und H. von Foerster schreibt, dass sich ein Beobachter "dadurch auszeichnet, dass er Beschreibungen machen kann". Was ein Beobachter sage, sei selbstverständlich eine Beschreibung seiner Beobachtung. (Kybernetik der Kybernetik).

Der Beobachter ist bei diesen Konstruktivisten kein Schauender, kein Wahrnehmer, sondern ein Sagender, der normalerweise nicht spricht, sondern schreibt. Er ist nicht jemand, der etwas sieht. Er ist jemand, der eine Unterscheidungen macht. Er ist ein Hervorbringer von Beschreibungen. Er kann unterscheiden und bezeichnen, ohne sich auf sinnliche Wahrnehmungen zu beziehen. Ein in diesem Sinn konstruktivistischer Beobachter kann von einem System sprechen, obwohl er Systeme nicht - oder nur vor seinem geistigen Auge - sehen kann.

In der Sprache von N. Luhmann können sogar Organisationen beobachten, obwohl diese logischerweise weder sehen noch schreiben können. Da N. Luhmann den Beobachter entsorgt hat, spielt bei ihm keine Rolle, von wem die Beschreibung einer Beobachtung stammt. Dass N. Luhmann von Beobachten, statt allenfalls vom Berichten des Beobachteten spricht, ist einerseits erstaunlich, weil es bei ihm ja um Kommunikationen, also um Mitteilungen geht. Andrerseits musste er die "Beobachtung" wohl beibehalten, weil er - sprachlich - auch die "Beobachtung 2. Ordnung" übernommen hat. Er hätte auch einfach von Bezeichnen von Unterscheidungen sprechen können.

Ich kann beobachten, ohne davon zu berichten. Ich beobachte oft, was meine Katze oder was andere Menschen tun und denke mir allerlei dabei. Hier interessiert mich jedoch, dass der konstruktivistische Beobachter Beschreibungen macht, also als Beschreibender beobachtet werden kann. Ich kann situativ beobachten, ob und was jemand sagt oder schreibt. Ich erkenne, was von anderen allenfalls beobachtet wurde, indem ich lese, was darüber geschrieben wurde. Texte kann ich im konventionellen Sinn des Wortes nicht beobachten, ich kann sie lesen.

In dem Unterscheiden, das die Konstruktivisten in ihrer Verwendung des Ausdruckes beobachten mitmeinen, erkenne ich ebenfalls eine mentale Operation. Ich kann sie bei anderen Menschen nicht erkennen. Die Bezeichnungen, die Konstruktivisten mitmeinen, wenn sie beobachten sagen, ersetzen Beschreibungen, in welchen ich Unterscheidungen erkennen kann, unabhängig davon, ob und wie sie der Bezeichnung vorausgegangen sind. Die im Beobachten mitgemeinten Unterscheidungen sind in diesem Sinne unerheblich, sie sind arbiträr. Ich kann den Bezeichnungen nicht ansehen, wofür sie stehen, also auch nicht für welche Unterscheidungen sie stehen.

Jede Bezeichnung ist ein Er-Satz für einen beschreibenden Satz. Wenn ich eine Katze etwa von anderen Tieren unterscheide, bezeichne ich sie als Katze und weiss, durch welche Worte ich Katze ersetzen könnte. Wenn ich von einer Katze oder von einem System spreche, verweise ich nicht auf eine Beobachtung und schon gar nicht auf die Beobachtung einer Unterscheidung, sondern auf eine Sache, die ich beschreiben kann.

Ich beschreibe Sachen. Im einfachsten Fall beschreibe ich einfache Gegenstände wie etwa einen Tisch, die ich nicht beobachten kann, weil es nichts zu beobachten gibt. Ich kann natürlich den Zerfall eines Gegenstandes beobachten. Dabei beobachte ich aber nicht den Gegenstand, weil er schliesslich gar nicht mehr vorhanden ist. Solange beispielsweise ein Tisch ein Tisch ist, verändert er sich als Tisch nicht. Er kann aber beispielsweise seine Farbe ändern, wenn er von der Sonne gebleicht wird. Das betrifft sein Tischsein aber nicht. Ich kann auch meine Katze beschreiben und wie sie vor dem Mauseloch lauert, ohne dabei an eine bestimmte Beobachtung zu denken. Ich kann beschreiben, wie eine thermostatengeregelte Heizung aussieht und wie sie funktioniert. Auch dazu muss ich nichts beobachten. Und schliesslich kann ich beschreiben, wofür ich welche Wörter verwende. Ich kann beschreiben, was ich als Beobachtung oder als Beschreibung bezeichne.

In all diesen Fällen stimmt, was H. Maturana sagt, nämlich, dass diese Beschreibungen von jemandem gemacht wurden. Dass er diese Person als Beobachter bezeichnet hat, könnte mit seinen epistemologischen Vorstellungen zusammenhängen.[6] Als Konstruktivist, was er nicht sein wollte, stand er in einer quasi-philosophischen Tradition, in welcher sich Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure mit den Grundlagen der Wissenschaft befassten und den sogenannten Wiener Kreis bildeten.[7] Es waren wohl H. Helmholtz und E. Mach, ein Namensgeber des Kreises, die die Rolle des Beobachters in der Wissenschaft ins Gespräch brachten, indem sie das Beobachten, das bereits von G. Galilei hervorgehoben wurde, problematisierten.

Im Wiener Kreis wurde darüber gestritten, inwiefern wissenschaftliche Aussagen in Form von empirisch begründeteten Protokollsätze von den Beobachtern und deren Methoden abhängig sind. Der Ausdruck Beobachter stand dabei eigentlich für ein Bündel von Vorurteilen, die Experimente oder Messungen beeinflussen könnten.[8]Man einigte sich weitgehend auf die positivistische Vorstellung, wonach das verwendete Beobachtungsverfahren hinreichend genau beschrieben werden muss, so dass es wiederholt - und das Resultat im Prinzip verifiziert, resp. falsifiziert - werden kann. Damit war die Person des Beobachters vorerst wieder aufgehoben.[9]

In dieser "Wiener" Wissenschaftslehre - auf die auch E. von Glasersfeld mehrfach verweist - wird das Beobachten gar nicht behandelt, sondern beispielsweise das Experiment, in welchem beobachtet wird. Es wird beschrieben, was wie beobachtet wird. Die Wissenschaft liefert Beschreibungen und berichtet über den Verlauf der Experimente. Das Wort Beobachter bezeichnet damals eher den Experimentator als den den Berichterstatter. Das erklärt jedoch keineswegs, warum überhahupt vom Beobachten gesprochen wurde; es zeigt aber, dass der Beobachter keine Erfindung der Konstruktivisten war, wenn man E. Mach nicht auch schon zu den Konstruktivisten zählt.[10]

Unabhängig von Wissenschaft kann ich aufschreiben, was ich beobachte - oder eben nicht. Wenn ich mein Beobachten dokumentiere, spreche ich von einem Bericht oder einem Protokoll. Ein normalerweise nicht sehr systematisches Beispiel für den Bericht von Beobachtungen ist das Tagebuch; ein sehr systematisches Beispiel ist ein Kassenbuch. Beides bezeichne ich kaum je als Beobachtungen.

Nachdem ich bisher die Differenz zwischen einer Beobachtung und einer Beschreibung einer Beobachtung dargestellt habe, wende ich mich jetzt der Beschreibung von Beobachtungen zu, indem ich das Beschreiben beobachte. Nun wird also alles anders. Mit diese Inversion verdeutliche ich auch die bisher behandelte Differenz. Vor allem aber wird dabei klar, dass Schreiben etwas ganz anderes ist als Beobachten - und vielleicht zeigt sich dabei auch, warum das Beschreiben der Beobachtungen verdrängt wurde. So kann ich gute Gründe dafür erkennen, dass die Konstruktivisten verkürzt nur vom Beobachten geschrieben haben.

Eine Beschreibung ist ein Text. Ich kann Text nicht beobachten. Aber ich kann das Herstellen eines Textes beobachten. Ich kann jemandem, der schreibt, zuschauen und mich dabei fragen, was er wohl als nächstest tut. Und wie die Katze vor dem Mauseloch rechne ich auch damit, dass er gerade gar nichts tut, weil er vielleicht darüber nachdenkt, was er schreiben will. Dieses allfällige, von mir vermutete Nachdenken kann ich nicht beobachten.

Ich kann das Herstellen von Text auch beschreiben, ohne dass ich jemanden dabei beobachte. Wenn ich Text herstelle, ordne ich materielle Schriftzeichen auf einem Textträger an. Ich schreibe beispielsweise mit einem Bleistift auf einem Stück Papier. Die Schriftzeichen bestehen in diesem Fall aus von mir geformten Graphit. Ich ordne die Schriftzeichen nach bestimmten Regeln an, die einer Grammatik entsprechen. Dabei ist gleichgültig, was ich schreibe.

Ich muss wissen, was ich als Schreiben - oder als Textherstellen - bezeichne, wenn ich jemanden beim Schreiben beobachten will. Wenn jemand etwas schreibt, weiss ich im hier gemeinten Fall nicht, was er schreibt. Ich sehe, dass er Schriftzeichen anordnet. Ich kann ganz verschiedene Sachen beobachten. Ich kann etwa beobachten, wie oder wie schnell er seine Hand bewegt. Ich kann beobachten, dass jemand eine andere Tätigkeit unterbricht und zu schreiben beginnt. Ich kann beobachten, wie er dazu Papier und Bleistift aus einer Schulade seines Tisches nimmt. Wenn ich dem Schreibenden über die Schulter schaue, kann ich sehen, ob er einen Brief schreibt oder ein Formular ausfüllt. Ich kann aber insbesondere beobachten, welche Schriftzeichen er in welcher Reihenfolge herstellt und wie er sie anordnet, also was für einen Text er schreibt.

Die Large-Language-Modell-Verfahren, die in der sogenannten künstlicher Intelligenz verwendet werden, zeigen, wie schon vorhandene, also bereits geschrieben Buchstaben die jeweils folgenden wahrscheinlich und erwartbar machen. Ich habe beim Beobachten einer Textherstellung Erwartungen. Ich kann aber im konkreten Fall nicht wissen, sondern nur beobachten, was für Buchstaben folgen.

Der Text, den er schreibt, kann ich auch später lesen. Dann beobachte ich nicht, dass der Text geschrieben wird, sondern weiss, dass er geschrieben wurde. Um es mit H. Maturana zu sagen: Jeder Text wurde geschrieben. Wenn ich einen Text lese, kann ich mir seine Herstellung vorstellen. Ich kann mir beim Lesen vorstellen, dass der Text gerade erst entsteht, weil ich ja auch bei Lesen nicht weiss, welche Buchstaben ich als Nächstes antreffen werde. Ich kann mir also eine Beobachtung vorstellen. Darin erkenne ich eine Erklärung dafür, dass und wie Konstruktivisten das Beobachten generallisiseren.

Wenn ich ich einen Text lese, interessiert mich normalerweise nicht dessen Herstellung, sondern was im Text steht. Selbstverständlich kann ich mich auch für den Inhalt eines Textes interessieren, wenn ich dessen Herstellung beobachte. Dann beobachte ich nicht das Herstellen der einzelnen Buchstaben, sondern den entstehenden Text, der sich wie ein Textil entwickelt und seine Form annimmt.

Text besteht aus Wörtern. Ich unterscheide Funktionswörter und Inhaltswörter. Funktionswörter wie Artikel oder Präpositionen erfüllen vor allen grammatikalische Funktionen im Satzgefüge, während Inhaltswörter auf Bedeutungen verweisen. Substantive wie etwa Tisch oder Baum, die auf Dinge verweisen, haben zwei Repräsentationen: ein körperliches, anfassbares Ding und einen "Er-Satz" für das Wort. Das Wort Tisch steht einerseits für hergestellte Tische, die aus so geformtem Material bestehen, das ich sie beispielsweise in mein Esszimmer stelle und mich beim Essen auf einem Stuhl daran setze. Solche Tische kann ich im Möbelgeschäft oder in einer Schreinerei kaufen. Das Wort Tisch steht aber andrerseits auch als Er-Satz für einen Satz, in welchem ein Tisch beschrieben wird und den ich deshalb anstelle des Wortes Tisch verwenden kann, wenn ich über die gemeinte Sache sprechen will.

Die konstruktiviste Wirklichkeit, wonach mir die sogenannte Wirklichkeit ausschliesslich in Form von Sinneserfahrungen zugänglich ist, spielt hier keine Rolle. Wenn ich lese, interessiert mich nicht, ob ich wirkliche lese und ob der Text wirklich materiell vorhanden ist, sondern was ich lese. Ich unterscheide einen Tisch von der Beschreibung eines Tisches, wie ich das Beobachten von einer Beschreibung des Beobachtens unterscheide.

Beobachten richtet sich auf Verhalten, das eintreten oder ausbleiben kann. Lesen richtet sich auf Zeichen, die bereits hergestellt sind. Beobachten ist zukunftsoffen; Lesen ist vergangenheitsfixiert. Beobachten ist eine gegenwärtige Tätigkeit mit offenem Ausgang. Lesen ist eine gegenwärtige Tätigkeit mit abgeschlossenem Gegenstand. Konstruktivisten verwechseln die Offenheit des Beobachtens mit der Geschlossenheit des Lesens, weil man sich beim Lesen vorstellen kann, der Text entstehe gerade.[11]

Ich kann jedes Wort durch einen Satz ersetzen und ich kann jeden Satz durch einen anderen Satz ersetzen. Wenn ich lese, mache ich das implizit, weil ich prüfe, unter welchen Bedingungen ich die jeweilige Formulierung auch verwenden würde, respektive, wie ich sie ersetzen würde. Diese Art des Lesens wird in jenen Schulen nicht unterrichtet, in welchen das Lesen als Belehrung aufgefasst wird.

Wenn ich Beschreibungen von Beobachtungen lese, lese ich, was beobachtet wurde. Ich lese aber auch die Formulierungen, die beim Beschreiben verwendet wurden. Intuitiv erkenne ich, dass es bessere und schlechtere Beschreibungen gibt, ohne zu erkennen, was ich dabei unterscheide. Es gibt eine Sprachgewandheit, die bessere Beschreibungen ermöglicht. Das interessiert mich hier aber nicht.

Wenn ich Beschreibungen von Beobachtungen lese, kann ich lesen, was beobachtet wurde. Dabei erkenne ich, dass auch andere Beobachtungen möglich wären. Die jeweils beschriebene Beobachtung ist nur berichtenswert, weil es auch anders hätte sein können. Ich unterscheide zwei Fälle. In einem Fall hätte sich die beschriebene Sache anders verhalten können. Im anderen Fall wurde ein gegebenes Verhalten verschieden beobachtet. Der bereits zitierte Wiener Kreis verlangte deshalb, dass auch das Beobachtungsverfahren genau beschrieben werden muss. Das Anliegen war, den Einfluss des Beobachters aufzuheben. Einige der Philosophen des Wiener Kreises, die den Unterschied zwischen Beobachtung und Beschreibung erkannten, verlangten eine sogar eine (logisch) saubere Sprache.[12]

Die Beobachtung als solche wurde dann in der sogenannten "2. Ordnung" Gegenstand der Beobachtung. H. von Foerster hat damit vorgeschlagen, den Gegenstand der Beobachtung zu verändern, also nicht mehr das, was ein Beobachter beobachte, sondern den Beobachter zu beobachten., weil man dabei Zusammenhänge erkennen könne, die der Beobachter nicht sehen könne. N. Luhmann hat schliesslich in bezug auf die Beschreibung der Beobachtung vorgeschlagen, die darin verwendeten Unterscheidungen zu be(o)achten.

Ich betrachte dazu ein Beispiel. Ich lese, dass der Schachspieler Bobby Fischer an einer bestimmten Stelle des beschriebenen Spiels den Läufer auf C3 gestellt habe. Ich unterstelle, dass diese Beschreibung von einem Beobachters des Spiels geschrieben wurde. Was der Reporter beobachtet hat, scheint mir klar. Ich kann mir nicht vorstellen, inwiefern diese Beschreibung vom Beobachter abhängig sein könnte und welche Unterscheidung ich darin beachten sollte. Ich nehme deshalb ein anderes Beispiel, das ich bereits angeführt habe. I. Pawlow hat geschrieben, dass sein Hund bei einem bestimmten Glockenton mit Speicheln reagiert habe. Dabei hat er einen Zusammenhang zwischen dem Glockenton und dem Speicheln des Hundes postuliert. In diesem Fall hat sein Beobachter oder sein Leser einen anderen Zusammenhang erkannt, indem er eine andere Sache beobachtet hat. J. Konorski hat nicht den Glockenton, sondern Bewegungen des Experimentators beobachtet und mit dem Speicheln des Hundes in Beziehunge gesetzt. Mir scheint in diesem Fall nicht sinnvoll, von einer anderen Unterscheidung zu sprechen, es ist einfach eine andere Beobachtung. Dass verschieden Beobachtungen zu verschiedenen Resultaten führen, ist nicht sehr erstaunlich. Staunen kann ich eher darüber, wer was beobachtet oder eben nicht beobachtet.

Die Beobachtung 2. Ordnung, von der auch N. Luhmann spricht, bezieht sich also auf etwas anderes. Es geht nicht um Unterscheidungen, sondern darum, wer weshalb was wie beobachtet.[13] Es geht umgangssprachlich darum, welche wie "gefärbte Brille" ein Beobachter trägt, wenn er ein bestimmte Beobachtung macht. Diese Brille bestimmt oder beeinflusst die Anschauung und mithin deren Resultate. Ich bezeichne diese Brille als implizite Theorie, die ich mir -im Prinzip - bewusst machen kann. Umgangssprachlich ist gelegentlich von impliziten Theorien die Rede, die jemand im Kopf habe. Die Theorie im Kopf ist für andere Menschen ganz unerheblich, aber auch für den, der sie allenfalls hat, nicht verfügbar.[14]

Ich verwende den Ausdruck Theorie für einen Text, also nicht für etwas, was mit einem Text gemeint sein könnte, sondern für den Text selbst. Als Theorie muss ein Text bestimmte Bediingungen erfüllen. N. Luhmann hat für das Schreiben solcher Texte ein sehr naheliegendes Verfahren vorgeschlagen, das er als Beobachten von Beobachtungen bezeichnet hat. Die so hergestellten Texte bezeichnete er als Beobachtung 2. Ordnung. Weshalb er dabei von einer Beobachtung 2. Ordnung gesprochen hat, bleibt sein Geheimnis. Seine Bezeichnung bekommt aber als Theorie ihren eigentlichen Sinn.[15]

Als Theorie bezeichne ich eine explizite Widerspiegelung der Kategorien, die ich beim Beschreiben von Sachverhalten verwende. Theorie beschreibt die Anschauung (theorein), nicht das Angeschaute. Ich kann beispielsweise eine thermostatengeregelte Heizung als System beschreiben. Dann beschreibe ich nicht, wie sie aussieht, nicht wozu sie gut ist und nicht, was sie kostet. Ich beschreibe auf eine ganz bestimmte Weise, wie sie funktioniert. Die Theorie - die ich in diesem Fall als Systemtheorie bezeichne - beschreibt nicht die Heizung, sondern wie diese beschrieben wird. In der entsprechenden Theorie steht dann beispielsweise, dass eine Regelung beschrieben wird, aber nichts über die Heizung.

Das Wort Theorie, das in der positivistischen Wissenschafttheorie - die eben keine Theorie im hier gemeinten Sinne, sondern eine Lehre ist - in Anlehnung an K. Popper ein Hypothesenbündel bezeichnet, kommt quasietymologisch vom griechischen "theorein", was als anschauen oder betetrachten übersetzt wurde. In solchen Übersetzungen, die vielmehr Setzungen als Übersetzungen sind, schreibt Platon vom Schauen der Ideen und Aristoteles von Betrachten der ersten Prinzipien. In der deutschen Sprache ist der Unterschied zwischen Anschaung und Betrachtug diffus. Die gängige Unterscheidungen betreffen aber inwiefern nur ein sehendes Wahrnehmen oder ein reflektierendes Verstehen gemeint sei, wobei Anschauen eher für ersteres verwendet wird.[16]

In einer Theorie erläutere ich Kategorien, die ich beim Beschreiben von Sachverhalten verwende. Von einer Theorie spreche ich eigentlich nur, wenn hinreichend viele Kategorien so verbunden sind, dass sie eine Lehre reflektieren. Hier geht es aber um das Verfahren, Unterscheidungen zu thematisieren. Wenn ich implizierte Unterscheidungen problematisiere, interessiert mich nicht, was über die jeweilige Sache gesagt wird, sondern wie sie wovon unterschieden wird. Ich kann jede Unterscheidung durch das Wort nicht aufheben. Ich unterscheide beispielsweise rot von nicht rot. Wenn ich nach der Unterscheidung frage, frage ich aber nach einer komplementären Bezeichnung, im Falle von rot kommt etwa blau in Frage. Normalerweise mache ich mir die Unterscheidungen, die ich verwende nicht bewusst, weil ich an der bezeichneten Sache interessiert bin. Es gibt Situationen - etwa im Falle eines Missverständnises - in welchen mich die Unterscheidung interessiert.[17]

Wenn mich die Theorie interessiert, geht es nicht um Missverständnisse, sondern die Klärung von Perspektiven, die sich in den verwendeten Unterscheidungen zeigt. Ich kann mir meine je eigene Perspktive oder meine implizierte Theorie bewusst machen, indem ich meine Unterscheidungen als Kategorien reflektiere.

Wenn ich etwas beschreibe, verwende ich - unabhängig davon, ob ich damit eine Beobachtung beschreibe oder nicht - Wörter. Ich verwende verschiedene Wörter für verschiedene Sachen. Ich zeige durch die Wörter, dass ich Sachen unterscheide. Wenn ich beispielsweise von einem Baum spreche, zeige ich, dass ich Bäume von anderen Sachen unterscheide. Das Wort Baum unterscheide ich von anderen Wörtern, die ich für andere Sachen verwende. Was ich mit Baum bezeichne, kann ich durch andere Wörter erläutern. Wenn ich auf solche Erläuterungen verzichte, scheint mir hinreichend klar, wie die Erläuterung aussehen würde. Ich verwende Wörter normalerweise, wie sie innerhalb einer Sprachgemeinschaft eben verwendet werden.

In Beschreibungen verwende ich - unabhängig davon, ob ich damit eine Beobachtung beschreibe oder nicht - Wörter, die ich ersetzen kann. Wörter, die ich durch Definitionen ersetzen kann, bezeichne ich als Begriffe. Als Begriff bezeichne ich mithin nicht irgendein geisttiges Konzept, das mit einem Wort gemeint sein könnte, sondern das Wort selbst, wenn ich eine Definition dafür habe. Als Definition bezeichen ich einen Satz, mit welchem ich das zu definierende Wort - im Sinne eines Er-Satzes - ersetzen kann, wenn der Satz einen - inhaltlich gebundenen - Oberbegriff und ein Kriterium enthält, um die bezeichnete Sache als (Unter)-Begriffe zu klassifizieren. Ich gebe dafür zwei Beispiele. Ich definiere Maschine, in dem ich sage: Maschinen sind Werkzeuge (Oberbegriff), die durch nicht lebende Energie-Lieferanten angetrieben werden (Kriterium), das heisst, alle Maschinen sind Werkzeuge, aber nicht alle Werkzeuge sind Maschinen, sondern nur jene, die ein bestimmtes Kriterium erfüllen. Ein selbstbezügliches Beispiel für die Definition ist: Definitionen sind Beschreibungen (= Oberbegriff), die einen Oberbegriff und ein Kriterium einführen (= Kriterium).[18]

Meine Definitionen zeigen, wie ich das jeweilige Wort verwende. Sie gelten also nur für mich. Ich schreibe damit niemandem vor, wie er ein Wort zu verwenden habe. Andere Menschen verwende Wörter anders. Sie haben andere Definitionen und eben damit verbunden auch andere Theorien. Definitionen helfen den Lesern, weil sie nicht danach suchen oder raten müssen, wofür die Wörter stehen. Der Sinn der Definitionen liegt aber in der Reflexion der Unterscheidungen.

In Definitionen bezeichne ich ich oft nur eine Seite der verwendeten Unterscheidung. In der Theorie reflektiere ich diese Unterscheidungen als Kategorien. Kategorie wird umgangssprachlich für ganz verschiedene Sachen, oft synonym zu Klasse, Typ oder Sorte verwendet.[19] In der Philosophie wird der Ausdruck unter anderem von Aristoteles und I. Kant für vorausgesetzte und zwingende Sprach- oder Denkformen verwendet.[20] Hier geht es um etwas ganz anderes.

Als Kategorien bezeichne ich die verwendete Einheit einer Unterscheidung. Ich erläutere den Begriff zunächst phänographisch jenseits von Theorie und anschliessend beschreibe ich die Rolle, die die Kategorie in der Theorie hat. Ich sage beispielsweise "Dieses Auto ist rot", womit ich einem Ding oder einem Sachverhalt eine Eigenschaft zuschreibe. Im Satz "Das Auto ist rot" kommen die Wörter Ding und Eigenschaft nicht vor. Ich verwende diese Wörter in einem zusätzlichen Satz, um Unterscheidungen im angeführten Satz zu bezeichnen. Wenn ich rot sage, impliziere ich eine Unterscheidung rot versus nicht rot. Die Einheit der Unterscheidung bezeichnet beide Seiten und das, wovon oder inwiefern sie Teile oder Aspekte sind. In diesem Fall bezeichne ich die Einheit als Farbe. Farbe bezeichnet implizit auch eine Unterscheidung, in Bezug auf rot aber die Einheit der damit gemachten Unterscheidung. Dass ich in meiner Beschreibung die Farbe eines Autos erwähne, beruht auf meiner Wahl dieser Kategorie.

Kategorie wird oft mit Eigenschaftsdomäne verwechselt oder gleichgesetzt. Als Eigenschaftsdomäne bezeichne ich den Wertebereich einer Eigenschaft. Kategorie dagegen bezieht sich auf eine je verwendete Unterscheidung, also darauf, ob ich eine Eigenschaft in Betracht ziehe oder von einer Eigenschaft spreche. Wenn ich von einem Auto spreche, muss ich dessen Farbe nicht in Betracht ziehen. Wenn ich sage, dass es rot ist, habe ich etwas über dessen Farbe gesagt, ohne das Wort Farbe zu verwenden.

Als Einheit einer Unterscheidung bezeichne ich in diesem Sinn eine Aufhebung der jeweiligen Unterscheidung. Mit Holz und Metall unterscheide ich zwei verschiedene Sachen. Ich verwende das Wort Material, wenn ich diese Unterscheidung nicht benennen will. In diesem Fall habe ich - wie bei Farbe - ein Wort für Einheit einer Unterscheidung. Oft - insbesondere bei deiktischen Unterscheidungen - habe ich das nicht. Dann bezeichne ich die Kategorie, indem ich beide Seiten der Unterscheidung zusammen nenne: links-rechts, vorne-hinten.[21]

Eine jeweilige Kategorie zu bestimmen, ist eine Entscheidung. Die Kategorie ist kontingent. Bei rot und Auto ist die Kontingenz aus pragmatischen Gründen nicht sehr gross. In vielen Fällen ist aber nicht klar, welche Unterscheidung mit einem Wort bezeichnet wird. Die je gewählte Zuschreibung von Kategorien beruht und begründet die jeweilig verwendetet Theorie.

Mit Kategorie bezeichne ich also etwas ganz anderes als die erwähnten Philosophen. Die Kategorie ist hier die Folge einer Wahl, nicht deren naturgegebene a-priori-Voraussetzung. Jenseits einer Theorie haben Kategorien für mich keinen Sinn, während sie für I. Kant eine Voraussetzung, also nicht einen konstitutiven Teil der Theorie darstellen.

Wenn ich einen Text lese, den ich als Beschreibung oder als Erläuterung eines Sachverhaltes auffassen, versuche ich immer auch zu Erkennen welche Kategorien gewählt wurden. Dieses Erkennen bezeichne ich als Verstehen eines Textes, was etwas anderes ist als das Verstehen einer Bitte oder eines Befehls, die durch einen Text vorgetragen wird. Es gibt Texte, in welchen die verwendeten Kategorien explizit gemacht oder gar durch Theorien begründet werden. Aber auch dann, muss ich die Kategorien und deren Wahl nachvollziehen können.

Die Wahl der Kategorien bestimmt den Text. Zur Bestimmung von Kategorien unterscheide ich fiktiv zwei Fälle. Im einen Fall beruht die Beschreibung eines Sachverhaltes auf einer beim Schreiben bewusst verwendeten Theorie, im andern Fall auf einer impliziten oder unbewussten Theorie. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die kybernetische Theorie anhand von formalen Beschreibungen eines Regelungsmechanismus entwickelt hat. Nachdem die Kybernetik als Theorie vorhanden war, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht unter den Kategorien der Regelung beobachtet wurden.

Wenn ich schreibe, stelle ich mir die Sätze, die ich intuitiv schreiben würde, vor und lese sie, wie ich einen vorhandenen Text lese. Ich achte dabei auf die Stimmigkeit der Kategorien. Ich kann auch intuitiv schreiben und dann mein Sätze lesend prüfen, also mir meine Kategorien im Nachhinein bewusst machen. Wenn ich mit einem Computer schreibe, kann ich die Sätze quasi währende des Schreibens leicht korrigieren, ich muss mir also viel weniger vorab überlegen, weil ich ein besseres Werkzeug habe, als wenn ich eine Feder und Tinte verwende.[22]

In einer verbreiteten Auffassung des Lesens sollte ich die Kategorien im Text finden, nicht an den Text herantragen. Ich neige eher dazu, das Lesen anders zu begreifen, weil ich beim Lesen nicht den Autor des Textes sondern mich selbst verstehen will. Ich lese den Text, nicht den Autor. Beim Lesen finde ich Formulierungen, die mir selbst vielleicht nicht eingefallen wären. Ich überlege dann, inwiefern oder unter welchen Bedingungen ich diese Formulierungen auch verwenden würde. Ich verhalte mich beim Lesen wie wenn ich einen Text schreibe. Dabei entscheiden meine Kategorien, was ich wie lese. In vielen Auseinandersetzungen darüber, wer einen bestimmten Text richtig gelesen oder verstanden habe, zeigt sich die naive Auffassung, wonach Lesen ein passives Aufnehmen im Sinne des "Nürnberger Trichter" ist.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorien sind, entscheiden sie, was wie beschrieben wird. Das hat nichts mit der Konstruktion einer Wirklichkeit zu tun, sondern mit der Herstellung einer Beschreibung. Dabei spielt insbesondere auch eine Rolle, welchen Kategorien ich Priorität gebe. Auch das will ich anhand eines Beispiels erläutern.

Wenn ich meine Beschreibung mit einem Bedarfszustand wie etwa mit Hunger beginne, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn ich dagegen das Herstellen als primäre Kategorie verwende, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not - eben primär - tun. Sie mögen damit natürliche Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen, aufheben. Hunger erscheint dann aber nicht als Bedarfszustand, sondern als Zeichen dafür, dass in der Produktion etwa von Nahrungsmitteln, also bei der herstellenden Tätigkeit etwas nicht funktioniert.

Inwiefern ist Herstellen eine Kategorie, welche Unterscheidung wird darin aufgehoben?


 

Anmerkungen

1) Als Idiosynkrasie bezeichne ich generell Abweichungen vom Konventionellem, verhaltenspsychologisch eine ungewöhnliche Reaktion auf einen Reiz, Stoff oder einen Umstand. In Bezug auf die Verwendung von Wörtern unterscheide ich eine Privatsprache, die die abweichende Verwendung von Wörtern nicht erläutert von Idiosynkrasie, in welcher die Ausdrücke neu vereinbart werden.   (zurück)
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2) Ich setze Konstruktivisten hier in Anführungszeichen, weil sich diese Autoren mehr oder weniger explizit vom Konstruktivismus distanziert haben.   (zurück)
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3) "Die grundlegende kognitive Operation, die wir als Beobachter durchführen, ist die Operation der Unterscheidung." (Luhmann, N: Soziale Systeme, S.63)   (zurück)
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4) Auf den mach'schen Beobachtersdes Wiener Kreises werde ich noch zurückkommen.   (zurück)
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5) N. Luhmann definiert seine Wortverwendung: "Im Anschluss an Spencer Brown wollen wir, wenn die Operation [ der Beobachtung, RT ] gemeint ist, von Unterscheidung (distinction) und Bezeichnung (indication) sprechen." (S.100) "Beobachten ist jedes Operieren mit einer Unterscheidung" (S.110). Innerhalb dieser Systemlehre scheint klar, wovon die Rede ist, auch wenn niemand - eben auch N. Luhmann selbst nicht - erläutert, was "bezeichen" bezeichen soll.   (zurück)
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6) Menschen haben fast immer gute Gründe, für das, was sie tun.   (zurück)
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7) Im Umfeld des Wiener Kreises waren viele, die quasi im Nachhinein "Philosophen" wurden. E. Mach war Physiker, H. von Helmholtz war Physiologe, M. Schlick war Physiker, H. Hahn war Mathematiker, L. Wittgenstein war Ingenieur.   (zurück)
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8) Die Rolle des Beobachters im Wiener Kreis ist klar begrenzt: Er ist kein Wahrnehmender, sondern ein methodischer Fixpunkt für die Absicherung empirischer Aussagen. Der Beobachter ist dort nicht Subjekt einer Erkenntnistheorie, sondern Garant der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Protokollsätze. Der Wiener Kreis verstand sich als Bewegung des Logischen Empirismus bzw. Logischen Positivismus, die eine wissenschaftliche Weltauffassung entwickeln wollte. Die Rolle des Beobachters war dabei eng, technisch und methodisch definiert, nicht philosophisch‑psychologisch oder konstruktivistisch.   (zurück)
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9) Der Beobachter des Wiener Kreises war nicht nur für das Experiment zuständig, sondern auch für die Hypothese, die im Experiment geprüft wurde. Da im Experiment aber keine Rolle spielt, woher die geprüfte Hypothese kommt, war der Beobachter auch in dieser Hinsicht unwichtig geworden.    (zurück)
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10) S. J. Schmidt schreibt in der Einführung zu H. Maturana's Buch "Erkennen", dort er das Wort Beobachter und die Bedeutung des Beobachters zum ersten Mal erwähnt: "Kategorien wie ,Input' [..] sind Kategorien des Beobachters bzw. Beschreibers eines Systems." (S. 2) Damit zeigt er deutlich, dass das Wort Beobachter erklärungsbedürftig ist, was er dann aber in seiner ganzen konstruktivisten Karriere vergessen hat."   (zurück)
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11) H. Maturana hat mit seinem Beobachten diese Unterscheidung aufgehoben. Er hat nie über das Lesen geschrieben, sondern das Lesen wie andere Wahrnehmungen aufgefasst. Das hängt auch mit seiner Vorstellung von Sprache zusammen, in welcher nicht beschrieben wird.   (zurück)
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12) G. Frege war dann aber den Wienern wohl doch zu radikal. Hier geht es nicht um diese Philosophen, sondern nur darum, dass sie das Beobachten thematisierten, obwohl die Sprache als Problem der Beschreibung bereits erkannt war.   (zurück)
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13) K. Popper's Kritik am Wiener Kreis lässt sich als Kritik des Beobachten als Abstraktion lesen. Laut K. Popper muss man immer - falsifizierbar - sagen, was beobachtet wird   (zurück)
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14) Die umgangssprachlichen Verwendungen des Wortes Theorie bezeichnen oft naive oder praxisfremde Vorstellungen. Wenn das Wort im Alltag etwas bewusster verwendet wird, bezeichnet es Lehren oder Lehrgebäude. Solche Theorien befassen sich normalerweise nicht mit Theorie, sondern mit der Plausibilisierung von Erklärungen. Bekannte "Theorien" sind in diesem Sinne die biologische Evolutionstheorie und die physikalische Relativitätstheorie. Ausserdem gibt es sogenannte Erkenntnistheorien.   (zurück)
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15) N. Luhmann hatte keinen Begriff von Theorie. Er hat immer Lehren über Gesellschaft geschrieben.   (zurück)
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16) Das Griechische der alten Philosophen hta aber viele Wörter wie "blepein" oder "horan" für das blosse Schauen. Theorein steht für eine Art der Erkennens als dahinter schauen.   (zurück)
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17) Missverständnisse sind Verständnisse, die anderen oder einem selbst im Nachhinein als falsch erscheinen. Sie beruhen auf verschiedenen Unterscheidungen.   (zurück)
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18) In der gemeinen Philosophie werden die Wörter Begriff und Definition ganz anders verwendet, seit I. Kant normalerweise so, dass Begriffe nicht definiert werden können. Ich spreche hier aber darüber, wie ich diese Wörter verwende, nicht über die die Welt überhaupt.   (zurück)
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19) Als hors catégorie, abgekürzt HC, werden durch den Tour-de-France-Veranstalter ASO die am höchsten eingestuften Anstiege bezeichnet. Obwohl der Name übersetzt außerhalb oder jenseits aller "Kategorien" bedeutet, handelt es sich schlicht um eine zusätzliche "Kategorie" von Anstiegen, die 1979 oberhalb der existierenden "Kategorien" 1 bis 4 eingefügt wurde. Im deutschen Sprachraum wird sie teilweise fälschlich als Ehrenkategorie bezeichnet.   (zurück)
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20) Aristotes verwendet Kategorien zur Klassifikation von möglichen Sprechweisen. I. Kant spricht von Denkweisen. Bei beiden sind die Kategorien vorausgesetzt. Vergleiche dazu Kategorienfehler versus Die Wahl der Kategorie
In der analytischen Philosophie ist von Prädikaten und Kategorienfehlern die Rede.
Es gibt auch eine mathematische Kategorientheorie, die hier auch nicht gemeint ist.   (zurück)
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21) In der Form-Philosophie von N. Luhmann wird als Einheit der Unterscheidung die Unterscheidung als solche genannt. Sie wird dann in Anlehnung an die Laws of Form als Form bezeichnet.   (zurück)
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22) Diese Aspekte des Schreibens behandle ich ausführlich in meinem Buch Schrift-Sprache   (zurück)
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