Schelsky, Helmut: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen. Ungekürzte Ausgabe, dtv, München 1977, ISBN 978-3-423-01276-8 (erste Ausgabe: Westdeutscher Verlag, Opladen 1975, ISBN 978-3-531-11300-5).
"Es wird deutlich geworden sein, daß die Situationen des Elends im Alltag real oder nur eingebildet sein mögen, aus denen das Bedürfnis nach Heilsglauben erwächst; auf jeden Fall haben die Verkünder des Heils zu ihrer Ideen- und Machtdurchsetzung ein Interesse daran, daß die Gegenwart, der Alltag, als »Elend«, als Notsituation und als unerträglich empfunden wird, denn davon hängt ihre Wirkungsmöglichkeit ab. Sie verkünden daher niemals nur das Heil, sondern sie predigen und fordern zugleich das Bewusstsein des Elends; sie sind nicht nur Nothelfer, sondern zugleich Notpropagandisten. Denn wie ihr »Heil« ein Gut in der Vorstellung von Menschen ist, so besteht auch die Bedürfnisgrundlage dieser »Heilsherrschaft« in der Aufrechterhaltung eines Not-und Elendsbewusstseins unabhängig von seinen realen Bedingungen und Umständen.
Max Weber hat dies gesehen, wenn er darauf hinweist, daß über die Geltung des Charismas aIlein die Bewährung, die Hingabe der Gläubigen, entscheidet, nicht aber rationale Einsichten oder traditionale Bindungen. Verlieren die Gläubigen ihr Elendsbewußtsein, verlieren sie auch den Glauben an die Verheißung. Die Illusionen der »Endlösungen« werden offenbar, die »Gnadengabe« der Führer, ihre charismatische Autorität, zerbröckelt ebenso schnell und emotional, wie sie aufgebaut wurde. Die Herrschaft durch und über Vorstellungen ist eigentümlich schwankend und zerbrechlich: Götter, Propheten, charismatische Herrscher und Medizinleute, literarische und politisch-moralische Autoritäten werden schnell abgesetzt. Die außeralltägliche Kraft ihrer Durchsetzung beruht darauf, daß sie den Alltag der praktischen Erfahrung nicht zum Zuge kommen lassen dürfen. Praktische Interessen führen zur Absetzung oder Abdankung der Heilsbringer." (S. 44f)