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Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen zur Sprache und zum Anfang oder zum Ursprung der Sprache. Wenn ich von der Evolution der Sprache spreche, bezeichne ich - wie bei der Geschichte des Menschen - einen spezifischen Moment einer dort geteilten Entwicklung. Davor entwickelt sich - naturhistorisch - ein Verhalten, das ich als Sprache (ohne Plural) deute, danach entwickeln sich Sprachen (Plural). Weil ich Menschen als sprachbegabte Wesen begreife, verstehe ich das Hervorbringen von Sprache als Teil der Menschwerdung und nicht als etwas, was Menschen quasi im Nachhinein hervorgebracht haben. In dieser Hinsicht beobachte ich Sprache wie Werkzeugherstellung als Medium, worin der Mensch lebt und worin er sich kulturell entwickelt. |
Ich beobachte hier nicht die Geschichte einer bestimmten Sprache, sondern die Geschichte der Sprache überhaupt. Den Ausdruck "Sprache" verwende ich dabei für den Handlungszusammenhang, in welchem ich bestimmte Sprachen wie etwa die deutsche Sprache als Sprache erkenne. Ich erkenne, dass ein Mensch spricht selbst dann, wenn ich seine Sprache nicht spreche, weil ich weiss, was ich tue, wenn ich spreche. Menschen, die sprechen, machen Geräusche. Ich nehme aber nicht Geräusche sondern Aussagen wahr, weil ich als deutender Beobachter die Geräusche in einem Handlungszusammenhang wahrnehme. Ich kann von diesem Handlungszusammenhang abstrahieren und so Geräusche oder Laute hören. Das mache ich insbesondere als konstruierender Beobachter, etwa wenn ich als Ingenieur an der Lautübertragung in einem Apparat interessiert bin, also in einem anderen Handlungszusammenhang stehe.
Ingenieure wie C. Shannon haben Kommunikationstheorien mit Sendern und Empfängern entwickelt, die mit Sprache nichts zu tun haben. Es geht dabei um technische Apparate und um Signalübertragung. Wenn ich mit jemandem telefoniere, verwende ich solche Apparate, in welchen Signale übertragen werden, wenn gesprochen wird. Aber meine Sprache ist davon nicht betroffen. C. Shannon hat von einem Informationsgehalt der Signale gesprochen, was mit dem Inhalt oder der Bedeutung einer übertragenen Nachricht nichts zu hat, sondern ein rein technisches Mass darstellt. Die hier entwickelte Sprachgeschichte setzt die Unterscheidung zwischen Sprache und technischer Kommunikation voraus.(1) Ich spreche - oder vielmehr ich schreibe - hier nicht über technische oder systemtheoretische Kommunikation, sondern über Sprache.
Sprache hat medial zwei Formen, ich spreche und höre im Medium der Schallwellen, ich schreibe und lese im Medium Licht. In beiden Fällen nehme ich physikalisch abstrakt gesprochen energetische Wellen durch meine Sinnesorgane wahr, respektive ich erzeuge solche Wellen durch mein Sprechen oder Schreiben. Die Schallwellen erzeuge ich beim Sprechen durch jenen Teil meines Körpers, den ich metaphorisch als Sprechapparat bezeichne, wobei ich mich in der Metapher auf den Fernsprechapparat beziehe, weil ich entsprechende Schallwellen eben auch mit Lautsprechern erzeugen kann. Die Lichtwellen, die ich beim Lesen wahrnehme, die sozusagen den vor mir liegenden Text zu meinen Augen bringen, erzeuge ich beim Schreiben gar nicht, ich strukturiere sie nur. Das Licht wird am Text, den ich materiell herstelle, gebrochen und entsprechend strukturiert. Die gegenständliche Bedeutung von Text ist das Formen der Lichtwellen, was nichts damit zu tun hat, was im Text gelesen werden kann.
Die abstrakte Operation, die ich im Handlungszusammenhang Sprache beobachte, besteht darin, Energieflüsse zu strukturieren. Sprechen und Schreiben unterscheide ich als mediale Formen der Sprache in einem noch naturhistorischen Sinn des tierischen Körpers dadurch, dass ich verschiedene Sinnesorgane verwende.(2). Auf einer kulturell entwickelten Stufe kann ich mit Maschinen die Lichtwellen in Schallwellen übertragen und umgekehrt. Allerdings kann ich auch auf dieser Ebene die zeitlich dynamische Sequenz der Sprachhandlung nur in einer örtlich statischen Form fixieren. F. Heider hat in seiner Mediumtheorie gezeigt, wie die zeitliche Tonfolge einer Musikstückes auf einer Schallplatte in einer Menge von materiell nebeneinander liegenden Höckern auf einer Vinylplatte fixiert wird. Wenn ich einen Text vorlese, sind die Schriftzeichen auch quasi gleichzeitig nebeneinander auf dem Papier. Erst beim Lesen bringe ich sie in eine zeitliche Reihenefolge. Ich kann Schall- und Lichtwellen nicht speichern, aber ich kann sie durch die Fixierung von materiellen Strukturen reproduzierbar machen.
Bevor Maschinen erfunden wurden, war der Körper von Lebewesen der einzige Energieumwandler. Menschen können mit der Energie, die sie aus Nahrung gewinnen, Schallwellen erzeugen. Das mache ich auch, wenn ich vorlese. Ich erzeuge dabei nicht irgendwelche Geräusche, sondern Geräusche, die durch die Struktur des Textes bestimmt sind, so wie das Grammofon aus der in Vinyl gepressten Struktur bestimmte Tonfolgen produziert.
Anmerkungen
1) Wo diese Unterscheidung nicht gemacht wird, ist oft von Digitalisierung die Rede.
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2) N. Wiener bezeichnet im Titel seines Buches Kybernetik. Regelung und Kommunikation im Tier und in der Maschine mit dem Ausdruck Tier, dass er in Bezug auf Kommunikation von einer Funktion des Körpers spricht, die von Sprache unabhängig ist.
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